Zehn
Thesen zu Europa
Was
ist los in Europa?
Überall fahren populistische Gruppen, die gegen Brüssel und die EU
Stimmung machen, Erfolge ein. Dabei sind aber die Phrasen der Populisten fast
immer vereinfachend und oft schlicht falsch. Trotzdem: Die Ängste der
Menschen, die diesen Phrasen glauben, sind wirklich, und die Überforderung
und Ohnmacht, die viele angesichts von Globalisierung, Wettbewerb,
Multikulturalismus und Internationalisierung empfinden, sind reale
Phänomene. In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die gar das
wichtigste Projekt des Jahrzehnts, die EU-Osterweiterung, in Frage stellen.
Hat die EU etwas falsch gemacht?
Ist etwas dran an der Kritik, sie ignoriere den „kleinen Mann“ und
dessen Bedürfnisse? Hat sie selbst etwas zum Image beigetragen, sie sei
kalt, arrogant und unmenschlich?
Mit
dieser Einleitung stellt die österreichische Wochenschrift „Profil“ (Ausgabe
vom 6. Mai 2002) zehn vorurteilsbehaftete Thesen vor und gibt dazu zehn
nüchterne Antworten (Verfasser: Sybille Hamann und Peter
Lahodynsky):
1. In
Brüssel herrscht eine aufgeblasene Bürokratie, die die
Gurkenkrümmung oder die Beschaffenheit von Traktorensitzen regelt.
Es gibt
tatsächlich eine Regelungswut des EU-Apparats. Der Ende 1992 eingeführte
Binnenmarkt machte jedoch die meisten Richtlinien und Verordnungen
erforderlich. Und meist entsprangen diese Forderungen von Regierungen.
Viele der kritisierten Regelungen waren notwendig, um
nationalen Protektionismus zu verhindern (wenn etwa der Import
bestimmter Traktoren untersagt wurde, um heimische Produkte zu
schützen). Beim Gemüse setzte der Handel eiheitliche
Kriterien durch - ginge es nur nach den Interessen der Konsumenten, häte
man sich da wahrscheinlich einiges an Regeln sparen können.
Die
rund 15.000 EU-Beamten in Brüssel arbeiten - gemessen am Zuwachs
der Aufgaben - im Grunde recht effektiv. Die Stadt Wien oder
das französische Tourismusministerium haben beide
mehr Personal als die EU-Kommission, die als Behörde immerhin
für 370 Millionen EU-Bürger zuständig ist.
2. Das Geld, das wir nach Brüssel zahlen, wird sinnlos
verschwendet.
Der
größte Teil des EU-Budgets geht an die
gemeinsame Agrarpolitik und die Strukturpolitik zur Förderung ärmerer
Regionen. Selbst Österreich hat als ‚Nettozahler‘, der mehr
an die EU-Kassa einzahlt, als von dort zurückfließt, davon
profitiert - von Bergbauern bis zum Ziel-1-Gebiet Burgenland oder Grenzregionen.
Konsumenten profitieren direkt von EU-Richtlinien: Die Ausweitung der
Garantiezeit für Produkte auf zwei Jahre wäre etwa ohne Druck aus
Brüssel wohl nicht so schnell beschlossen worden. Natürlich gibt es,
wie in jeder staatlichen Verwaltung auch, Missbrauch und Betrug. Freilich
passieren solche Betrügereien in der Regel im Verantwortungsbereich
der Mitgliedsländer. Und die sind, weil sie zu Unrecht bezogene
Subventionen an den EU-Haushalt zurückzahlen müssten, an strengen
Kontrollen gar nicht sonderlich interessiert. Für die Anti-Betrugseinheit
der EU fehlt es noch immer an Personal und Geld.
3. Die EU ist ein Projekt der Eliten.
Es sind die Konzerne und die Reichen, die profitieren,
dem „kleinen Mann“ nützt die EU gar nichts. Dieses Vorurteil
hat nur teilweise realen Hintergrund und ist langfristig sicher falsch.
Die EU hat neben der friedenssichernden Aufgabe die
Hebung des Wohlstands als Hauptziel, von dem auch Menschen mit niedrigem
Einkommen profitieren. Soziale Mindeststandards wurden EU-weit
eingeführt. Und der Binnenmarkt hat die Preise gedrückt und
viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Europa hat heute seinen sicheren
Platz in der Weltwirtschaft. Alleine wären vor allem kleinere Staaten
dem Druck der „global player“ schutzlos ausgeliefert.
Die
EU entmachtete auch nationale Kartelle, die sich Aufträge und hohe
Preise sicherten. Durch EU-weite Ausschreibung von Aufträgen
wurde viel Steuergeld gespart. Und jeder EU-Bürger hat
schließlich das Privileg, sich frei zwischen Kiruna und Kreta niederlassen
zu können.
4. Die EU ist undemokratisch.
Da
ist schon was dran. Wer genau hat die Menschen eigentlich gewählt, die in
der Kommission sitzen und eine Art „Regierung Europas“
darstellen? Die EU ist noch kein Staat mit einer klaren Gewaltenteilung,
dementsprechend verworren ist die Entscheidungsfindung.
Noch immer beschließen Minister bei den Ratstagungen hinter
verschlossenen Türen Gesetze. Das europäische Parlament hat
nur ein Mitentscheidungsrecht. Der EU-Vertrag von Nizza wurde ohne Beteiligung
der Bürger von den Beauftragten der Staats- und Regierungschefs
ausgearbeitet. Die EU-Spitze gelobt jedoch Besserung:
Das Europäische Parlament soll als einzige direkt gewählte
Institution der EU weiter gestärkt werden. Der neu eingerichtete
„Konvent“, der über die nächste Reform berät
und eine Verfassung vorlegen soll, muss für mehr Demokratie sorgen und
nach dem „Subsidiaritätsprinzip“ auch manche
Politikbereiche den Mitgliedsstaaten zurückgeben.
5. Mit der Osterweiterung wird die EU überhaupt
funktionsuntüchtig.
Der
Vertrag von Nizza hat viele Fragen offen gelassen: Zum Beispiel jene entscheidende,
wie eine EU aus bis zu 27 Mitgliedern in der Praxis funktionieren
soll. Mehrheitsentscheidungen sind die Regel, aber in national wichtigen
Anliegen verzichtet niemand auf sein Vetorecht. Mit neuen Amtssprachen
drohen neue Ausgaben für Heerscharen von Dolmetschern
und Übersetzern. Eine Beschränkung auf wenige Arbeitssprachen
würde Proteste auslösen - von genau jenen Gruppen, die jetzt die
Kompliziertheit der Entscheidungsfindung in der Union
kritisieren. Auch der Quotenschlüssel für die Beschickung
von Gremien und die Besetzung von Posten ist dringend reformbedürftig.
Bloß: Wie erklärt man den kleineren Mitgliedsländern,
dass sie eigentlich verhältnismäßig zu viel
Stimmgewicht haben, und den Großen, dass sie kein „Direktorium“
errichten dürfen? Oder wie bringt man neuen Mitgliedern im Klub bei, dass
sie keinen EU-Kommissar stellen dürfen?
6. Die Osterweiterung ist viel zu teuer.
Die
Osterweiterung, das wichtigste Projekt der Union, kostet nach Berechnungen
der EU-Kommission in den ersten drei Jahren (2004 bis 2006) 40 Milliarden Euro.
Auf Österreich entfallen davon jährlich 220 Millionen Euro.
Für jeden Österreicher sind das, wie Wirtschaftsminister Martin
Bartenstein vorgerechnet hat, rund 27,5 Euro im Jahr. So viel sollte
uns die endgültige Überwindung der Teilung Europas und der
wirtschaftliche Aufschwung der Nachbarn schon wert sein. Schließlich haben
wir schon bisher einen Teil unseres Wirtschaftswachstums und
rund 60.000 neue Arbeitsplätze der Ostöffnung zu verdanken.
Die neuen Mitglieder erhalten längst nicht so viel aus den Fördertöpfen,
wie man vermuten würde: wahrscheinlich nicht viel mehr als ein
Zehntelprozent des Bruttosozialprodukts der EU. Richtig ist, dass die
heutigen Nettoempfänger in der Union etwas von ihrem Kuchen abgeben
werden müssen.
7. Die EU ist schuld, dass immer mehr Ausländer
nach Österreich kommen.
Falsch.
Die Ausländerpolitik ist einer jener Politikbereiche,
die bis vor kurzem die nationalen Regierungen weitgehend
selbst kontrollierten. Und selbst der Zuzug von Bürgern aus
anderen EU-Staaten hielt sich in Grenzen. Der von der FPÖ
vorausgesagte Zustrom von portugiesischen Bauarbeitern und
griechischen Friseuren ist bis heute ausgeblieben. Gegenüber der
Zuwanderung aus Drittstaaten gibt es erst seit kurzem in Ansätzen ein
gemeinsames Vorgehen, etwa beim Asylverfahren oder bei der Aufteilung von
Flüchtlingsströmen. Im Gegenteil zur Vermutung der Populisten
würden mehr Kompetenzen der EU Asylsuchenden die Sache sogar erschweren:
wenn es - wie geplant - ein einheitliches Verfahren gibt und die Ablehnung in
einem Land für alle anderen ebenso gültig ist. Und auch wenn
Ausländerpolitik nur in den seltensten Fällen mit Terrorismusbekämpfung
zu tun hat: Auch in diesem Bereich bringt EU-Vernetzung mehr als nationale
Alleingänge.
8. Nationale Regierungen werden in der EU bald nichts mehr zu
entscheiden haben.
Der
liebste Schlachtruf der französischen EU-Gegner lautete: In der EU
wird unser Präsident zu einem Provinzgouverneur degradiert! Das
wäre auch gar nicht weiter schlimm, wenn die EU sich tatsächlich
einmal dazu durchringen sollte, ein richtiger demokratischer Bundesstaat
zu werden. Solange das nicht so ist, läuft die Sache eher umgekehrt:
Politiker reden sich gern auf Brüssel aus und benutzen, wenn sie daheim
unpopuläre Maßnahmen verkaufen müssen, nicht selten das
Argument, in den EU-Gremien überstimmt worden zu sein. Derzeit wirken die
Zentrifugalkräfte immer stärker: So kritisiert etwa der deutsche
Bundeskanzler Gerhard Schröder häufig die EU-Kommission, sobald diese
gegen deutsche Interessen handelt - vom geplanten blauen Brief wegen des
deutschen Haushaltsdefizits bis zu Einsprüchen gegen Beihilfen.
Die etablierte Politik leistet damit, absichtlich oder unabsichtlich,
allen Vorurteilen gegen die „böse EU“ Vorschub.
9. Die Politiker glauben selbst nicht, was sie sagen.
Da
ist was dran. Je stärker die EU zu einem europäischen Staat
zusammenwächst, desto mehr Macht werden die Regierungen der einzelnen
Länder abgeben müssen. Für die derzeitigen
nationalen Machthaber heißt das in jedem Fall, dass sie auf
Macht verzichten müssen. Während eine neue Arbeitsteilung
diskutiert wird - etwa die Idee, eigene Europaminister zu entsenden
-‚ ist die Nervosität und das Unbehagen bei den
amtierenden Außenministern beinahe körperlich zu spüren.
Weder Joschka Fischer noch Benita Ferrero-Waldner geben gern etwas von
ihrem Ansehen und Einfluss auf. Womit sich die Frage stellt: Handeln die
Politiker, wenn sie die Integration vorantreiben, tatsächlich
in ihrem ureigenen, persönlichen Interesse? Oder spürt das
Wahlvolk, dass sie zwar Lippenbekenntnisse abgeben, aber sich die ganze Sache
doch lieber ersparen würden?
10. Es gibt keine Politiker mehr mit
Visionen für Europas Zukunft.
Doch,
es gibt sie noch, wenn auch immer seltener. Den deutschen Außenminister
Joschka Fischer etwa, der vor einem Jahr seinen Plan vorgestellt
hat, wie eine europäische Föderation aussehen könnte. Auch
der neue Koordinator der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik,
der Spanier Javier Solana, hat erfolgreich das Krisenmanagement Europas
verbessert. Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker beweist,
dass auch Politiker aus kleinen Mitgliedsländern Einfluss haben
können. Das Problem ist bloß: Die großen Männer, die
Europa als ihr Lebenswerk begriffen haben, wie François Mitterrand
und Helmut Kohl, sind tot oder abgetreten - und mit ihnen geriet der
deutsch-französische Motor ins Stottern: Was, wenn es in Berlin einen
Machtwechsel gibt und Edmund Stoiber Kanzler wird? Was, wenn Frankreichs
Präsident Jacques Chirac in Nationalismus Zuflucht sucht, um die
Nation im Kampf gegen die Gefahr des Rechtspopulismus zu einen?