Ausblick

 

Ich war schon immer der Überzeugung und bleibe dabei, dass ein guter Europäer kein schlechter Patriot sein muss.

(Richard von Weizsäcker)

 

Möglicherweise kann man das Ziel der europäischen Integration damit umreißen, dass sich in absehbarer Zeit auf ganz natürlichem Weg zwei verschiedene euro­päische Identitäten ent­wickeln werden:

 

(Gesamt-)Europäische Identität

Die Menschen innerhalb der Europäischen Union beginnen sich als Bürger einer po­litischen und wirtschaftlichen Einheit zu fühlen; stärkende Symbole hiefür sind vor allen anderen eine gemeinsame Verteidigung und - mit dem Euro - ein gemein­sames Geldsystem.

 

(National-)Staatliche Identität

Die Menschen bleiben ihrer bisherigen kulturellen Einheit verbunden.

 

 

Europa soll in allererster Linie eine Zone des Friedens, der Stabilität, der Demokratie und des Wohlstands sein. Auf dem Weg zu diesem Ziel ist Europa schon ein gutes Stück weiter­ge­kommen - ein Teil Europas zumindest. Daher ist es unumgänglich, nun auch den anderen Teil in das „gemeinsame Haus“ hineinzunehmen.

 

Die Erweiterung ist der dazu nötige Prozess. Europa wird größer, stärker, reicher - und bunter. Aber dazu muss Europa auch seinen Bürgern entgegen kommen. Solange sich diese nur von „Brüssel“ verwaltet fühlen und kaum Möglichkeiten zur Mitbestimmung erkennen, wird sich der Skeptizismus weiter ausbreiten.

 

Trotzdem ist die Geschichte der europäischen Gemeinschaft die einzigartige Geschichte einer erfolgreichen Friedensbewegung. Daher gibt es keinen Weg zurück, sondern nur nach vorn. Die Europäer werden dabei lernen müssen, dass Europa mehr ist als ein Zusammenschluss verschiedener Nationen, sondern dass es über den Nationen doch etwas Gemeinsames gibt. Es gilt also, das Nationale zwar zu achten und zu pflegen, es aber dort, wo es um die gemein­sa­men Werte geht, zurückzustellen.

 

Das Hauptproblem des Einigungsprozesses liegt darin, dass die europäischen Staaten weitere Souveränitätsrechte an die Gemeinschaft abtreten müssen, um diese zu stärken. Das ist ein sehr schmerzlicher Prozess - denn um eben diese Rechte wurden jahrhundertlang blutige Kriege geführt. Ganz besonders ist dies in der gegenwärtigen Krise um den Irak erkennbar: die 15 Mitglieder (und nun auch die 10 Beitrittskandidaten) können sich auch hier nicht nur nicht zu einer gemeinsamen Haltung durchringen, sondern stehen sogar in der wichtigsten Frage "Krieg oder Frieden?" zum Teil in offenem Gegensatz zueinander.

 

Aber: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben sich freie Demokratien dafür entschieden, ihre jahrhundertelangen blutigen Streitigkeiten ein für alle Mal zu beenden, indem sie sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen und an eben diese Gemeinschaft Rechte abtreten, die ihnen bisher heilig gewesen sind.

 

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Im Unterschied von allen historischen Prozessen des Entstehens größerer Staatengebilde ist die heutige Integration Europas auf Demokratie, Freiwilligkeit und Partnerschaft aufgebaut.

 

Wenn dieses Experiment gelingt - und es gibt gute Zeichen dafür, - dann hat die Geschichte Europas eine neue Dimension erreicht. Und so wie früher die Idee der Freiheit und die Grundlagen der Zivilisation von Europa aus in die Welt hinaus­ge­gangen sind, könnte die Idee eines freien Bundes freier Demokratien unterschied­licher Kulturen von Europa aus die Welt erobern.

 

Europa ist weit mehr als die Summe seiner Teile. Und es hat gute Chancen, noch mehr zu werden.

 

Wenn es etwas gibt, worauf die Europäer in dieser Epoche stolz sein können, dann ist es diese europäische Idee. Die Idee einer Zeitenwende.

 

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