Wer in Europa nicht an Wunder glaubt, ist kein
Realist.
Walter
Hollstein
Bis zum tatsächlichen Beitritt der zehn
neuen Mitglieder waren bzw. sind allerdings noch weitere Steine aus dem Weg zu
räumen:
Der nächste Schritt war eine Abstimmung
des Europäischen Parlaments am 9. April 2003, die eine
überwältigende Mehrheit zugunsten aller Kandidaten ergab.
Danach wurden die Beitrittsverträge am 16.
April 2003 symbolschwanger unterhalb der Akropolis in Athen (Griechenland
hat zu dieser Zeit ja die Präsidentschaft inne) unterzeichnet,
obwohl zu diesem Zeitpunkt erst drei der Kandidaten Volksabstimmungen
abgehalten haben, in denen die Bevölkerung dem Beitritt zugestimmt
hat. Der Fahrplan dieser Referenden:
|
Land |
Termin |
Ja-Stimmen
in % |
|
Malta |
8.
März 2003 |
54 |
|
Slowenien |
23.
März 2003 |
90 |
|
Ungarn |
12.
April 2003 |
84 |
|
Litauen |
10./11.
Mai 2003 |
|
|
Slowakei |
16./17.
Mai 2003 |
|
|
Polen |
8.
Juni 2003 |
|
|
Tschechien |
15./16.
Juni 2003 |
|
|
Estland |
14.
September 2003 |
|
|
Lettland |
20.
September 2003 |
|
|
Zypern |
nicht
vorgesehen |
|
Noch immer nicht geklärt ist die Lage
bezüglich Zypern, dessen Nordteil 1974 von türkischen Truppen besetzt
wurde. Da aber diese Besetzung als völkerrechtswidrig gilt (lediglich die
Türkei erkennt den Nordteil als eigenen Staat an), strebt die von den
übrigen Staaten anerkannte südliche griechisch-zypriotische
Regierung den EU-Beitritt ganz Zyperns an - in diesem Fall würden die
EU-Regelungen freilich im Nordteil nicht angewandet werden. Daraus scheint ein
Konflikt mit der Türkei vorprogrammiert zu sein: Wenn Zypern
planmäßig mit 1. Mai 2004 Teil der Europäischen Union sein
wird, befinden sich rund 30.000 türkische (und damit ausländische)
Besatzungssoldaten auf dem Gebiet der EU ...
Der letzte Schritt zum Wirksamwerden des
Beitritts ist die Zustimmung der bisherigen ("alten") Mitglieder. Da
für diese Zustimmung Einstimmigkeit gefordert wird, wäre der gesamte
Erweiterungsprozess blockiert, wenn sich auch nur ein einziges Mitglied dagegen
ausspräche.
Und der Rest Europas?
Absolut ungeklärt ist die Frage, ob
Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (und insbesondere
Russland selbst) jemals in die EU aufgenommen werden sollen; dieses Problem
stellt sich derzeit auch nicht, da diese Staaten bisher noch keinen Antrag
gestellt haben.
Anders liegt der Fall bei folgenden Staaten:
Die Schweiz hatte durch ihre Regierung zwar bereits 1992 einen
Beitrittsantrag gestellt, doch haben sich dann die Bürger in einer
Volksabstimmung gegen einen Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum
(EWR = EU + EFTA)) ausgesprochen und damit auch eine Annäherung an die EU
abgelehnt - ihre Liebe zur Unabhängigkeit ist eben noch immer sehr groß.
Die Türkei hatte ihren Antrag bereits 1987 eingebracht,
bisher aber nicht mehr erreicht, als dass ihr 1999 der Status eines
„Kandidaten“ zuerkannt wurde. Erst Ende 2004 will die Kommission
entscheiden, ob die Türkei mittlerweile solche Fortschritte gemacht habe
(vor allem in Hinblick auf ihre Wirtschaft sowie ihre Rechtsordnung), dass ein
konkreter Beschluss über ein Datum zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
gefasst werden kann – allerdings herrscht EU-weit große
Uneinigkeit, ob die Türkei überhaupt jemals aufgenommen
werden soll.
Rumänien und Bulgarien
(allenfalls auch Kroatien) hingegen haben - bei Anhalten ihrer
Europäisierung - gute Aussichten, bereits 2007 aufgenommen zu werden.
Keinen zeitlichen Horizont gibt es noch für die Aufnahme der (außer
Slowenien) anderen Teilrepubliken des ehemaligen
Jugoslawien. Am ehesten ist wohl mit Kroatien zu rechnen, während Bosnien
und Herzegowina, Serbien und Montenegro wohl noch einen
längeren Prozess der Annäherung zu bewältigen haben.
Ähnliches gilt auch für Albanien.
|
|
Einwohner in Millionen |
Inflations- rate in % |
Arbeitslosen- quote in % |
BIP pro Kopf in % des EU-Durchschnitts |
|
EU-15 |
370 |
1,9 |
7,7 |
100 |
|
Österreich |
8,0 |
1,8 |
4,1 |
108 |
|
Estland |
1,4 |
5,6 |
12,4 |
42 |
|
Lettland |
2,4 |
2,5 |
13,1 |
33 |
|
Litauen |
3,7 |
1,3 |
16,5 |
38 |
|
Polen |
38,7 |
5,3 |
18,4 |
40 |
|
Tschechische Republik |
10,3 |
4,5 |
8,0 |
57 |
|
Slowakei |
5,4 |
10,8 |
19,4 |
48 |
|
Ungarn |
10,1 |
9,1 |
5,7 |
51 |
|
Slowenien |
2,0 |
8,6 |
5,7 |
69 |
|
Malta |
0,4 |
2,5 |
6,5 |
55 |
|
Zypern |
0,8 |
2,0 |
4,0 |
80 |
|
Rumänien |
22,4 |
34,5 |
6,6 |
25 |
|
Bulgarien |
7,9 |
7,4 |
19,9 |
28 |
|
Türkei |
68,6 |
57,6 |
8,5 |
22 |
Das konkrete
Verfahren
Der Ablauf des
Beitrittsverfahrens ist im Artikel „O“ des Vertrags von Maastricht
geregelt.
Am Beginn stellt der
beitrittswillige Staat seinen Antrag an den Rat. Hierauf erarbeitet die Europäische
Kommission für den Rat eine vorläufige Stellungnahme, die sich
mit den Möglichkeiten eines Beitritts beschäftigt. Auf dieser
Grundlage beschließt der Rat, ob mit dem betreffenden Staat
Verhandlungen aufgenommen werden sollen oder nicht. Im Fall einer positiven
Entscheidung werden die Verhandlungen von der jeweiligen Präsidentschaft
der Union mit Unterstützung der Kommission geführt.
Ein wichtiger
Teil der Verhandlungen ist das „Screening“; dabei wird Kapitel
für Kapitel (z. B. Wissenschaft und Forschung, Industriepolitik, Umwelt
usw.) durchgenommen - zur Kontrolle, ob die Bestimmungen vom Beitrittswerber
erfüllt werden können.
Sind die Verhandlungen
erfolgreich beendet, übergibt die Kommission ihre endgültige - nicht
bindende - Stellungnahme dem Rat. Dieser entscheidet nun einstimmig, ob
dem Antrag auf Beitritt entsprochen werden kann oder nicht.
Im positiven Fall muss nun
das Parlament mit absoluter Mehrheit seiner Mitglieder der Aufnahme
zustimmen. Erst nach dieser Zustimmung entscheidet der Rat auf Basis des Beitrittsvertrages
entgültig.
Der letzte Schritt ist der
einer Ratifizierung durch alle Parlamente der Mitgliedstaaten und
des antragstellenden Staates.
Entscheidend für ein
Zustandekommen der Erweiterung ist natürlich auch die Stimmung der
Bevölkerung der Mitgliedsstaaten.
Gemäß
einer im Sommer 2002 durchgeführten Umfrage der Österreichischen
Gesellschaft für Europapolitik zeigen die Österreicher die
größte Zustimmung für eine EU-Mitgliedschaft Ungarns: 61%
befürworten sie, nur 16% lehnen sie ab; Slowenien liegt mit 55% Zustimmung
diesbezüglich an zweiter Stelle, während nur 42% für den Beitritt
der Slowakei und 41% für den von Tschechien und Polen stimmen.