Warum
überhaupt Einigung?Schon im ersten Satz seines bahnbrechenden Werkes „Der Wohlstand
der Nationen“ („Wealth of Nations“, 1776) erklärte der
schottische Nationalökonom Adam Smith, was die
eigentliche Quelle des Wohlstands der Völker ist: „Die Arbeitsteilung
dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere
fördern und verbessern.“ Für ihn besteht die
Arbeitsteilung in der Spezialisierung auf das, was man am besten kann und worin
man mit zunehmender Produktionsmenge und Erfahrung immer besser
wird.
Smiths berühmtestes
Beispiel für den Vorteil der Arbeitsteilung brachte er vom Besuch einer
Manufaktur für Stecknadeln mit. Er beobachtete dabei, dass die
Produktion einer Stecknadel vom Schneiden des Drahtes bis zum Befestigen des
Kopfes aus insgesamt 18 Einzelschritten besteht. Wenn aber jeder Arbeiter jeden
Produktionsschritt nacheinander selbst vornimmt, kann er pro Tag nicht
einmal 20 Stecknadeln herstellen. 10 Arbeiter jedoch, die sich jeweils
auf nur
ein oder zwei Handgriffe spezialisieren, bringen es pro Tag zusammen
auf nicht weniger als 48 000 Nadeln - vor allem deshalb, weil jeder Arbeiter
seinen Arbeitsgang laufend wiederholt, perfektioniert und deshalb viel
schneller ausführen kann; dass eine solche Arbeitsteilung aber auch
nachteilig (nicht bloß eintönig und den Arbeiter von seinem Werk
entfremdend) sein könnte, erkannte auch Smith.
Adam
Smith, 1723 - 1790
Dieser Vorteil der Arbeitsteilung wirkt sich aber
noch viel stärker aus, wenn sich ganze Volkswirtschaften auf eine -
„internationale“ (im letzten Schritt „globale“) -
Arbeitsteilung einigen: Jede Volkswirtschaft spezialisiert sich dann
nur mehr auf das, wofür sie die besten natürlichen
Grundlagen (z. B. Bodenschätze oder geographische Lage oder ein
entsprechendes Bildungsniveau) besitzt. Grundvoraussetzung für diese
internationale Arbeitsteilung ist natürlich dauerhafter Frieden unter
jenen Nationen, die sich zum Zweck dieser Arbeitsteilung
zusammenschließen: Schließlich muss ja jede dieser Nationen darauf
vertrauen können, ständig mit jenen Waren (zu denen immerhin ja auch
Lebensmittel gehören könnten) beliefert zu werden, auf deren
Produktion diese Nation zugunsten ihrer Spezialisierung auf die Produktion
anderer Waren verzichtet.
In Erkenntnis dieser Vorteile waren die
europäischen Volkswirtschaften schon längst bemüht, durch den
Abbau von Zollschranken und anderen Handelshemmnissen erste Schritte hin zu
einer Arbeitsteilung zu verwirklichen. Als die Nationalstaaten aber im Zuge der
Erfindungen und Entdeckungen und vor allem im Wettlauf um die Kolonien immer
mehr in Konkurrenz zueinander gerieten und damit die Gefahr kriegerischer
Auseinandersetzungen größer wurde, verlangte die Politik von der
Wirtschaft ihrer Staaten gerade die gegenteilige Entwicklung mit dem Ziel,
für den Fall eines Kriegs von anderen Volkswirtschaften
unabhängig („autark“) zu werden. Diese übersteigert
nationalistische Politik mündete schließlich in der Katastrophe
zweier Weltkriege - und nach dem Zweiten, blutigsten, zur Erkenntnis, dass
künftige Kriege unter den europäischen Staaten zur
zwangsläufigen - auch wirtschaftlichen - Auslöschung des Kontinents
führen müssten.
So war das vordergründige
Ziel nach 1945 die Verhinderung künftiger Kriege innerhalb Europas. Die
Überlegung aber, dass dieses Ziel nicht durch schöne Worte, sondern
nur dadurch zu erreichen sei, dass man den Nationen die selbständige
Verfügung zunächst über Kohle und Stahl (ohne die damals kein
Krieg geführt werden konnte) entziehen und einer gemeinsamen Verwaltung
unterstellen müsste, erwies sich als glückhaft: nicht nur, dass unter
den beteiligten Nationen nun tatsächlich kein Krieg mehr
denkmöglich wurde (womit denn auch?) - die gemeinsame Verwaltung der
Kohle- und Stahlproduktion führte rasch zu einem sprunghaften Ansteigen
der (gemeinsamen) Produktion und damit zur Überlegung, ob das, was sich im
bisher beschränkten Bereich als erfolgreich erwiesen hatte, nicht auch auf
andere Produkte (und unter Einbeziehung weiterer Nationen!) ausgedehnt werden
könnte.
Ausgedehnt nur auf andere Produkte?
Warum sollte das, was sich in der Produktion von Waren und deren Vertrieb
längst als richtig erwiesen hatte, nicht auch in der Landwirtschaft, im
Bank- und Versicherungswesen, beim Austausch von Arbeitskräften
funktionieren? Und wenn man schon einmal so weit gekommen ist - hätte dann
nicht auch eine gemeinsame Verteidigung und damit überhaupt auch eine
gemeinsame Außenpolitik Vorteile nicht nur für die Gemeinschaft,
sondern für jedes einzelne ihrer Mitglieder?
Freilich müssen die
Mitglieder mitunter auch Nachteile in Kauf nehmen. Ein schmerzliches Beispiel
dafür ist die europäische Landwirtschaft: Kleinere
Bauerngüter in schwierigeren Berglagen können auf Dauer der
Konkurrenz seitens großflächiger (und daher maschinell zu bewirtschaftenden)
Anbauflächen nicht gewachsen sein, und bedürfen daher kostspieliger
Unterstützung durch die Gemeinschaft. Und überhaupt: Werden wirklich
alle Mitglieder bereit sein, nach und nach auf ihre Souveränität
zu verzichten, um deren Behauptung sie Jahrhunderte lang Kriege geführt
hatten??
Stimmt die merkwürdige
Gleichung, dass das Ganze letztlich doch größer ist als die Summe
der Einzelnen?
Damit aber sind wir bei der
Vermutung, dass heute niemand zu sagen vermag, wohin und vor allem wie weit die
Integration[1] Europas führen wird.
Zu Adam Smith: http://www.econlib.org/library/Smith/smWNtoc.html
[1] Integration (von lat. integer
= unversehrt) ist allgemein ein Zusammenschluss, die Bildung einer
übergeordneten Ganzheit; in der Wirtschaft versteht man darunter
den Zustand und (vorhergehenden) Prozess der Verschmelzung
wirtschaftlicher Einheiten zu größeren Einheiten - vor allem den
Zusammenschluss mehrerer Länder mit dem Ziel, durch Abbau von
Handelshemmnissen (Zöllen, Kontingenten ...) einen einheitlichen
größeren Markt zu schaffen.