Westeuropa im Einflussbereich der USA

 

Ich bin überzeugt, dass es auf die Dauer keine Möglich­keit gibt, Sicherheit und Frieden Westeuropas zu erha­lten, wenn die europäische Einigung nicht erreicht wird.

(Eisenhower)

 

 

Marshall-Plan und OEEC

 

Der wachsende sowjetische Einfluss auf die ost- und ostmitteleuropäischen Staaten und die Aus­sicht, dass die Türkei und Griechenland dem kommunistischen Druck erliegen könnten, beun­ruhigte die Vereinigten Staaten. Am 12. März 1947 ver­kün­dete der amerikanische Prä­si­dent Harry S. Truman (1884 - 1972) eine Politik der Eindämmung („policy of con­tain­ment“):

 

„Es muss der außenpolitische Grundsatz der Vereinigten Staaten werden, allen Völkern, deren Freiheit von militanten Minderheiten oder durch einen von außen geübten Druck bedroht wird, unseren Beistand zu leihen. Unter einem solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtschaftliche und finanzielle Hilfe zur Herstellung geordneter politischer Ver­hältnisse und zur Sicherung der Stabilität.“

 

Von 1947 bis 1952 führten die USA den „Marshall-Plan“ durch (ent­wor­fen und organisiert von Trumans Außenminister George C. Marshall, 1880 bis 1959), ein Pro­gramm finanzieller Zuschüsse an notleidende euro­päische Staa­ten, das die wirt­schaftliche Gesundung Europas beschleu­ni­gen und da­durch die Neigung zum Kommunismus und damit den Einfluss der Sowjetunion abschwächen sollte; gleich­zeitig verfolgte der Plan das Ziel, der USA einen starken Handelspartner - vor allem als künftigen Absatzmarkt - zu sichern.

 

http://www.nara.gov/exhall/featured-document/marshall/marshall.html

                                                                                                                            

 

 

George C. Marshall

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Hilfsangebot richtete sich an alle Länder westlich von Asien und war nur an die Be­din­gung geknüpft, dass die Länder ihre Wiederaufbaubemühungen aufeinander abstimmten. Dahinter stand die Absicht einer zumindest teilweisen Integration der Volkswirtschaften. An dieser For­de­rung nach Abstimmung scheiterte eine Beteiligung der durchaus interessierten osteuropäischen Staaten einschließlich der Sowjetunion, die nun ihrerseits einen „Rat für gegenseitige Wirt­schaftshilfe (RGW = COMECON)“ gründeten.

 

Auf Grundlage des Marshall-Plans arbeiteten nun sechzehn europäische Staaten ein „Europäi­sches Wiederaufbauprogramm (European Recovery Programme = ERP) aus und schufen dazu 1949 eine „Organisation für europäische wirtschaftliche Zu­sam­menarbeit“ (Organi­za­tion for Euro­pean Economic Cooperation, OEEC). Die OEEC trug entscheidend zur wirt­schaftlichen Integration im westlichen Europa bei.

 

http://www.cepr.net/globalization/oecd.html

 

Kurz nach der Gründung der OEEC richteten die kommunistischen Parteien Bul­gariens, der Tsche­choslowakei, Frankreichs, Ungarns, Italiens, Polens, Rumäniens, Jugoslawiens und der Sowjetunion ein Informationsbüro, das Kominform“ ein. Sein offen zugegebener Zweck war, das ERP zunichte zu machen. Dazu fand im Februar 1948 in Prag ein kommunistischer Staats­­streich statt; er beraubte den letzten Staat im europäischen Machtbereich der Sow­jet­union seiner Selbständigkeit.

 

Die im Juni 1948 von der Sowjetunion begonnene Blockade Berlins führte an die Schwelle eines neuen Weltkriegs. Dies verstärkte im Westen den Willen zur militä­ri­schen Zusam­men­arbeit. Frankreich, Großbritannien und die Benelux-Staaten waren bereits 1948 ein Bündnis einge­gan­gen, jetzt kamen die USA und Kanada hinzu, später wurden auch Dänemark, Island, Italien, Nor­wegen und Portugal zur Teilnahme eingeladen. Die Verhandlungsteilnehmer unterzeichneten im April 1949 das Ver­tei­digungsbündnis des Nordatlantikpakts NATO (North Atlantic Treaty Or­ga­nization).

 

http://www.nato.int/home.htm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Vertragspartner verpflichteten sich vertraglich, die eigene und die gemeinsame Widerstands­kraft gegen bewaffnete Angriffe zu erhalten und fortzuentwickeln. Daraus ergab sich die gemeinsame Planung der Verteidigung sowie die Unterstellung nationaler Verbände unter die Befehlsgewalt der NATO. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde damit ein gemeinsames militärisches Oberkommando auch in Friedenszeiten möglich.

 

Ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere Mitgliedstaaten in Europa, Nord­ame­ri­ka oder im Nordatlantik sollte als Angriff gegen alle betrachtet und von den Mit­glie­dern mit den Maßnahmen erwidert werden, die sie „für not­wendig erachten“. Die Mit­glie­der der NATO sind also nicht automatisch zu einem militärischen Bei­stand für den Angegriffenen verpflichtet. Aber die Fortentwicklung der Kriegs­tech­nik und die fort­ge­schrittene gemeinsame Verteidigungsplanung ließen ein bewaff­ne­tes Eingreifen der Ver­trags­partner im Verteidigungsfall als sicher erscheinen.

 

Den USA kam also in den Nachkriegsjahren eine entscheidende Rolle in der Wieder­her­stellung Westeuropas zu. Das betraf nicht bloß die Wirtschaft (mit dem Marshall Plan und der OEEC), sondern auch die europäische Integration bis hin zum Ge­danken an ein Vereintes Europa - mehr noch: Die USA wirkten beim Aufbau der europäischen Gemeinschaften maß­geblich mit. So war der „Atlantizismus“ und der „Europäismus“ bald nach dem Krieg eng verbunden - und ein Grund mehr für die UdSSR, diese Entwicklung mit Argwohn zu be­trachten; gemeinsames Ziel der west­lichen Politik war eben stets die Sicherung der westlichen Hemisphäre gegen die als per­ma­nent empfundene kommunistische Bedrohung.

 

Die europäische Idee aber brauchte nun eine neue Definition. Eine solche durfte - um wirk­lich europäisch zu sein - nicht von außen aufgedrängt, sondern in Europa geboren sein.

 

Das Hauptproblem der europäischen Einigung nach dem Krieg lag aber zweifellos darin, dass nationale Eigeninteressen mit dem Wunsch nach wirtschaftlicher und politischer Einigung in Ein­klang gebracht werden mussten. Dabei bedurfte es mehrerer starker Persönlichkeiten, um dem Europagedanken Vorrang zu verschaffen.

 

Schon bald nach Kriegsende wuchs eine europäische Bewegung, auf die Begriffe gebracht von dem britischen Oppositionsführer Winston Chur­chill (1874 - 1965), der 1946 in Zürich die Vereinigten Staaten von Euro­pa forderte.

 

Winston Churchill hatte schon während des Kriegs eine Union zwi­schen England und Frankreich vorgeschlagen. Am 19. 9. 1946 jedoch erhob er in einer groß­an­ge­leg­ten Rede in Zürich (die er vorher mit Coudenhove-Kalergi abgesprochen hatte) die For­de­rung nach Errichtung von Vereinten Staaten von Europa, die von einem neuen, übergreifenden Nationalismus zusam­men­gehalten werden sollten. Gemein­sam mit dem Franzosen Monnet, dem Deut­schen Adenauer und anderen vertrat er die Ansicht, dass der Ausgangspunkt der Einigung in einer französisch-deutschen Aus­söhnung liegen müsste; er stellte also schon zu diesem Zeitpunkt die Notwendigkeit einer Partnerschaft zwischen den Hauptkriegsgegnern auf dem Kontinent, Deutsch­land und Frankreich, in den Vordergrund, ohne deren Wiedererstarken Churchill keine Chance für eine Wie­der­belebung des Kontinents sah:

 

„Der erste Schritt in der Wiedererschaffung der europäischen Familie muss eine Part­nerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. Nur auf diesem Weg kann Frank­reich seine Rolle als moralische Führungskraft Europas zurückgewinnen. Europa kann nicht wiederauferstehen ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland ... Großbritannien, Amerika und Sowjetrussland müssen die Freunde und Partner eines neuen Europa sein.

 

Wir müssen etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen ... wir verfügen über das unermessliche Gedankengut und die Verfahrenstechnik, die nach dem Ersten Welt­krieg inmitten großer Hoffnungen in Form des Völkerbunds ins Leben gerufen und ent­wickelt wurden. Der Völkerbund versagte nicht wegen seiner Grundsätze oder Ideen. Er versagte, weil diese Grundsätze von Staaten aufgegeben wurden, die ihn begründet hat­ten...

Ich spreche jetzt etwas aus, das Sie in Erstaunen setzen wird. Der erste Schritt bei der Neuordnung der europäischen Familie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein ....

 

Die Struktur der Vereinigten Staaten von Europa, wenn sie gut und echt errichtet wird, muss so sein, dass die materielle Stärke eines einzelnen Staates von weniger großer Be­deutung ist. Kleine Nationen zählen ebensoviel wie große und erwerben sich ihre Ehre durch ihren Beitrag zur gemeinsamen Sache. Die alten Staaten und Fürstentümer Deutschlands, frei vereint aus Gründen gegenseitiger Zweckmäßigkeit zu einem Bünd­nissystem, können alle ihren eigenen Platz in den Vereinigten Staaten von Europa ein­nehmen ...“

 

Das Verblüffende an Churchills Vorschlag war also, dass er eine Partnerschaft Frank­­reichs und Deutschlands als Kern eines europäischen Einigungsprozesses empfahl - ein Jahr nach Kriegs­ende eine Kühnheit, die sich nur ein unangefochtener Kriegsheld leisten konnte. Von einer Mit­gliedschaft Großbritanniens in einem ver­ein­ten Europa sprach Churchill hingegen nicht, denn noch war der Traum vom briti­schen Weltreich nicht ausgeträumt - eher wurden damals die be­sonderen Beziehungen Großbritanniens zu den USA favorisiert.

 

Wie aber sollte es mit der Umsetzung des europäischen Plans in praktische politi­sche Formen gehen - etwa gleich die Verfolgung eines Ziels, das „Vereinigte Staaten von Europa“ heißen sollte? Lediglich ein Netz von Vereinbarungen, die zwi­schen weiterhin souveränen Staaten abge­schlos­sen werden, oder Gründung supranationaler Insti­tutionen mit eigenen Sou­ve­rä­ni­tätsrechten?

 

 

 

 

Testfragen 11

 

1)  Wann und unter welchen politischen Voraussetzungen ist der Nationalismus als der „Toten­gräber der europäischen Einigung“ entstanden? Wie wurde er überwunden?

 

2)  Können das COMECON bzw. der Warschauer Pakt als „europäische“ Organisationen be­zeichnet werden?

 

3)  Warum trat Winston Churchill für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich ein?

Antworten

 

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