Das Ende des Nationalismus

 

Friede wird erst sein, wenn ihr die außen­politischen Pro­bleme Europas zu innen­politischen Problemen macht.

(Friedrich von Weizsäcker)

 

Trotz - oder gerade wegen? - der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit seinen rund 60 Mil­lio­nen Toten hatten die Europäer die Einsicht gewonnen, dass gewisse Werte unverzichtbar seien und nun, nachdem auf diesen Werten in brutalster Weise herumgetrampelt worden war, zu neuem Le­ben erweckt werden müssten. Allerdings konnte der Weg dazu nicht mehr in der Ver­wirk­li­chung ir­ra­tionaler und romantischer Staatsideen gesehen werden; mit solchen Ideen hatte der Fa­schismus, der Nationalsozialismus und der Kommunismus einen bleibenden Schock in Europa aus­gelöst.

 

Was also zurückkehrte, war der Rationalismus und mit ihm eine klare Abfuhr für den Na­tio­na­lis­mus; letzterer wurde nun identifiziert mit jenen aggressiven und imperia­lis­ti­schen Regie­rungs­formen, die Europa in den Krieg, in die Niederlage, in die Kata­strophe geführt hatten.

 

Erstaunlich war dabei immerhin, dass auch auf der Seite der Sieger die furchtbaren Jahre der Be­setzung und des Widerstands nicht zu einer Auferstehung des natio­nalen Chauvinismus geführt hatten. Hatte man also den wahren Gegner nicht mehr in anderen Nationen, sondern im Na­tio­na­lismus und anderen Ideologien erkannt?

 

Der im Kampf mit bulgarischen Partisanen gefallene Bruder des Jazzmusikers E. P. Thompson schrieb schon 1943 in einem Brief: „Wie schön wäre es, könnte man Europa als sein Heimatland bezeichnen und an Krakau, München, Rom, Arles und Madrid als seine eigenen Städte denken. Für ‚Vereinte Staaten von Europa‘ könnte ich einen Pa­tri­otismus empfinden, der meine Liebe zu England weit übersteigen würde.“

 

In einem späteren Brief schreibt er: „Es gibt nun überall in Europa einen Geist, der bes­ser und stärker ist als alles, was dieser Kontinent seit Jahrhunderten gekannt hat. Er ist wei­ter und großzügiger als irgendein Dogma. Es ist der überzeugte Wille ganzer Völker, die das Äußerste an Erniedrigung und Leid erfahren und darüber triumphiert haben, ein und für allemal ihr eigenes Leben zu gestalten.“

 

Zum ersten Mal seit langer Zeit war also der Blick nicht mehr auf die Vergangenheit ge­richtet, son­dern auf eine mögliche Zukunft, auf ein „Europa als Versprechen“. Dazu durfte man freilich nicht mehr an überkommenen nationalen Grenzziehungen festhalten, die zum Teil als künstlich und überholt betrachtet wurden. Auf der Anklage­bank standen nun der Na­tionalismus und der übertriebene Nationalstolz; sie vor allem wurden als Wurzeln der ver­gangenen Weltkriege betrachtet.

 

Das Hauptproblem Europas aber war die Spaltung des Kontinents - denn nach 1945 lag der ent­schei­dende Einfluss auf die weitere Entwicklung in Europa bei den Sieger­mächten UdSSR und USA.

 

 

gehe zum Seitenanfang

gehe zum nächsten Kaptiel: Osteuropa im Griff der Sowjets