Die Schüsselfrage für Europa ist nicht seine
Beziehung zur übrigen Welt, sondern zu sich selbst.
Al Gore
In der Zeit nach der
Reichsteilung wurden immer wieder Ideen zu einer Einigung geboren. Es musste
freilich mehr als ein Jahrtausend blutiger innereuropäischer Kriege mit
Millionenopfern verstreichen, ehe diese Ideen 1951 zu einer bleibenden
Form umgesetzt werden konnten. Dass aber an solchen Ideen überhaupt
erdacht wurden, mag als Beweis dafür gelten, dass die
„europäische Idee“ in keinem Stadium der Geschichte tot war -
dass es also ein Europa in irgendeiner (zeitweise wohl unbewussten) Form immer
gegeben hat.
Nachfolgend nur einige Beispiele für solche
Ideen, die natürlich alle vor ihrem historischen Hintergrund (siehe dazu
das „Examen Europaeum“) zu sehen sind, mitunter aber bereits
Elemente der heutigen EU vorwegnehmen:
Dante (1265 - 1321)
Der italienische Dichter träumt von der
Erneuerung des Römischen Kaiserreiches auf christlicher Grundlage:
Nur die Universalmonarchie, einem Bund der Staaten übergeordnet,
jedoch ohne diese ihrer Eigenart zu berauben, kann den Frieden
erhalten; eine absolute Souveränität einzelner Staaten oder
Fürsten hingegen würde nur zum Chaos führen.
Du Bois
Du Bois, ein französischer Jurist und Zeitgenosse
Dantes, entwirft einen Plan für einen europäischen Staatenbund
als Voraussetzung für die Durchführung und den Erfolg von
Kreuzzügen. Er plädiert dabei sogar für die Schaffung von
Strafgesetzen gegen den Krieg der Christen untereinander, um dadurch die
christliche Gemeinschaft einigen zu können. Du Bois hält die
Dantesche Universalmonarchie für undurchführbar, schlägt jedoch
als Ersatz eine Föderation vor, die von einem Konzil geleitet
werden, in der aber jede Nation ihre volle Unabhängigkeit
bewahren sollte. Ein übernationales Schiedsgericht soll Konflikte
zwischen den Fürsten beilegen.
Podiebrad (1420 - 1471)
Der böhmische König Podiebrad schlägt,
ähnlich Du Bois, einen Staatenbund vor. Im Gegensatz zum
Rechtsanwalt Du Bois ist er ein Realpolitiker, der als Grundlagen einer europäischen
Einigung folgende Einrichtungen betrachtet: Mitgliederversammlungen (bindende
Entscheidungen mit einfacher Mehrheit), internationales Schiedsgericht, gemeinsame
Heeresmacht, gemeinsamer Staatshaushalt (finanziert aus Zehnten der Kirche!).
Er will dabei zwar die nationale Souveränität der Mitgliedsstaaten
bewahren, entwirft aber eine dem Bündnis unterstellte Exekutive.
Der französische Staatswissenschaftler
Crucés spricht sich vor allem für eine Beibehaltung des
europäischen Status quo aus, da Kriege immer ohne Gewinn endeten. Die
Sicherung dieses Status quo soll durch ein Schiedsgericht gewahrt bleiben.
Sein Plan beinhaltet auch Maßnahmen zum Schutz der Freiheit des Handels
sowie gegen den beginnenden nationalen Protektionismus; er
schlägt dabei sogar eine europäische Vereinheitlichung der
Maße und Gewichte vor (diese wurde dann erst durch die Französische
Revolution in Angriff genommen).
Da das Hauptproblem der europäischen Politik aber
die unterschiedliche Größe der Staaten sei, peilt er einen radikalen
Föderalismus an, der auf kleinen Provinzen
bzw. Gemeinden aufgebaut ist. Diese seien nicht nur besser zu
administrieren; in kleinen politischen Einheiten könnten sich auch die
freien Gemeinden politisch am ehesten verwirklichen. Er entwickelt also nicht
nur die Idee eines regionalen Europa, sondern auch eine bürgernähere,
demokratische Vorstellung von einem vereinigten Europa.
Sully dagegen schlägt einen europäischen
Staatenbund vor, der weit vom damaligen Status quo abweicht. Dabei
vertritt er die Idee, dass die Könige von Ungarn, Polen und Böhmen,
weil sie eine Verteidigungsfunktion für alle anderen Staaten Europas gegenüber
den Türken erfüllen, auch von mehreren anderen europäischen
Königen gewählt werden sollten. Damit - und dies ist für
Überlegungen eines französischen Herzogs des 17. Jahrhunderts doch
eher ungewöhnlich - tritt die Idee der nationalen Souveränität
erstmals klar und deutlich gegenüber einer supranationalen
Souveränität zurück.
Der tschechische Erziehungswissenschaftler und
spätere Bischof Comenius (Komensky) dagegen legt das Schwergewicht
seiner europäischen Einigungspläne auf Kultur und Religion:
Zuerst soll das Wissen durch einen verbesserten Lehrplan unter der Leitung
einer internationalen Akademie „vereinheitlicht“
werden, danach eine politische Zusammenarbeit unter der Leitung
internationaler Institutionen erfolgen; Information und freier Informationsaustausch
sind für ihn eine wesentliche Voraussetzung für die europäische
Einigung.
William Penn war von den Gräueln des
30-jährigen Krieges so abgestoßen, dass er in seinem
Werk „Essay towards the present and future peace of Europe“ den Plan
eines europäischen Völkerbundes
(„einschließlich der Türken und Moskowiter“) entwarf.
Dessen Ziel ist der Friede; das Mittel, diesen zu verwirklichen, ist die
Gerechtigkeit, die aber wieder nur von demokratisch eingesetzten (!)
Regierungen gewährleistet werden kann.
Besondere Bedeutung lässt er der Wirtschaft
zukommen: Die Zahl der Repräsentanten der einzelnen europäischen
Staaten in seinem Staatenbund macht er abhängig von Steuerleistung,
Export- und Importtätigkeit. Beschlüsse in der Versammlung
hätten mit mindestens ¾ der Stimmen zustande zu kommen. Um
Streitigkeiten über den Vorrang zu vermeiden, dachte er an einen runden
Sitzungssaal. Das sprachliche Problem schien für ihn nicht groß, da
sich ohnedies nur zwei anboten: Latein (günstig für Juristen) sowie
Französisch (günstig für „Männer von Stand“).
Jeremy Bentham (1748 - 1832)
Der englische Sozialphilosoph und Jurist meinte, dass
eine der wesentlichen Grundvoraussetzungen für die Einigung
Europas die Aufgabe der Kolonialreiche wäre (ein Gedanke, der erst
150 Jahre später verstanden und verwirklicht wurde).
Friedrich Gentz (1764 - 1832)
Der deutsche Publizist und Politiker sieht die einzige
Garantie für einen europäischen Frieden und damit eine dauerhafte
europäische Vereinigung in einem „europäischen Gleichgewicht“ - es geht ihm dabei um eine
„natürliche föderative Verfassung“ Europas, d. h., dass
jedem „Gewicht“ in der großen politischen Masse irgendwo ein
„Gegengewicht“ (geschaffen durch Bündnissysteme) entsprechen
soll. Immerhin haben seine Ideen bis 1848 zwar keinen echten Frieden, aber doch
eine „Abwesenheit von Krieg“ geschaffen, letztlich ein zu schwaches
Element gegenüber dem Vormarsch des Nationalismus.
Napoleon Bonaparte (1769- 1821)
1816 schreibt Napoleon auf seiner Verbannungsinsel St.
Helena sein „Mémorial de Sainte Hélène“:
„Eine meiner Lieblingsideen war die Zusammenschmelzung,
die Vereinigung der Völker, die durch Revolution und Politik
getrennt worden waren.“
Es sei vor allem sein Wunsch gewesen, eine „association
européenne“ zu verwirklichen; sie hätte dem Kontinent
Wohlstand und Glück gebracht, nicht zuletzt auch ein gleiches System in
ganz Europa: „un code européen, une cour de cassation
européenne“
Napoleon trat auch für eine einheitliche
europäische Währung, für gleiche Maße und Gewichte
ein.
Eine wichtige Errungenschaft war der „Code
Civil“. Mit diesem und den folgenden Gesetzeswerken sicherte er
dem Gleichheitsgrundsatz eine über Frankreich hinausgehende Bedeutung.
Zudem zerstörten Napoleons Herrschaftswille und Machtdrang das Europa der
alten Regimes und verbreiteten die modernen Gedanken von Staat und Nation
- auch dies ein nicht unbedeutender Baustein der späteren
europäischen Einheit.
http://www.napoleonbonaparte.nl/html/body
code napoleon.htm
Napoleon schlägt auch eine Europäische
Akademie vor und europäische Preise zur Förderung der Forschung.
Europa soll eine Familie und ein Volk sein. Wo auch immer Reisende hinfahren,
sollen sie sich in gemeinsamem Vaterland fühlen.
Saint Simon (1760 - 1825).
Dieser französische Utopist veröffentlichte
1814 gemeinsam mit seinem Sekretär Augustin Thierry einen Europa-Plan, der in seinen Grundzügen
aktuell wirkt.
Die beiden Franzosen kritisierten die
Friedensbemühungen des Wiener Kongresses, dem sie vorwarfen, neue
Kriege zu schüren statt sie zu verhindern. Als Voraussetzungen für
den Frieden betrachteten Saint-Simon und Thierry das Ende des Absolutismus und
die Einführung parlamentarischer Systeme in den europäischen Einzelstaaten:
„Die Zeit, wo alle europäischen Völker durch
National-Parlamente regiert sein werden, ist unstreitig der Zeitpunkt, wo das
allgemeine Parlament, ohne Hindernisse zu finden, wird eingeführt
werden können.
Ein allgemeines gesamteuropäisches Parlament soll
über das gemeinschaftliche Interesse der
europäischen Gesellschaft entscheiden. Nationale Parlamente sollen
Delegierte in das gesamteuropäische Parlament entsenden. Dieses
Gesamtparlament soll mit der Macht ausgestattet werden, die Streitigkeiten
der Einzelländer zu schlichten. Voraussetzung für die
Tragfähigkeit eines solchen Parlaments ist die Entwicklung eines
„europäischen Patriotismus“. Seine Aufgabe
ist vor allem die Schaffung eines allgemeingültigen
Rechtssystems. Die Zusammensetzung des Parlaments orientiert sich im
Aufbau am englischen Vorbild:
Unterhaus: Vertreter
von Korporationen, Kaufleute, Gelehrte, Staatsbeamte und obrigkeitliche
Personen (je 1 für je 1 Mill. Einwohner)
Oberhaus: Mitglieder
für 10 Jahre gewählt
Die europäischen Institutionen
ersetzen bei Saint-Simon jedoch nicht die nationalen Regierungen und
Parlamente zur Gänze; vielmehr soll die Souveränität der
Nationalstaaten grundsätzlich erhalten bleiben. Der Regierung
der Konföderation wären hingegen vor allem folgende
Aufgaben vorbehalten:
· Friedenssicherung
· Angleichung des Rechts
· Garantie religiöser Toleranz
· Beaufsichtigung des öffentlichen Unterrichts
· Schaffung einer kontinentalen Verkehrsinfrastruktur
Darin sah Saint-Simon eine Ausgangsbasis für den
Frieden: „Es kommt zweifelsohne eine Zeit, wo alle Völker Europas
fühlen werden, dass die Punkte des allgemeinen Interesses geordnet
werden müssen, bevor man zu dem besonderen Interesse jeder Nation
übergeht; dann wird das Elend anfangen, sich zu vermindern, die Unruhen
werden sich besänftigen, die Kriege erlöschen: das ist das Ziel,
wonach wir unaufhörlich streben, dahin treibt uns die Richtung des
menschlichen Geistes.“
Er brach auch mit der
traditionellen Idee, dass das vereinte Europa durch jene Fürstenbünde
geschaffen werden könnte, die Metternich gerade im Begriff war zu
errichten, und schlug stattdessen die direkte Wahl europäischer
Abgeordneter durch die Berufsverbände vor. Überdies fußte sein
Plan zentral auf der Wirtschaft, er sah in Europa eine praktische Aufgabe
gemeinsamer Interessen und fester Abmachungen, und darf damit als ein
wesentlicher Vorläufer jener Richtung des Föderalismus im 20.
Jahrhundert gelten, aus dem schließlich die EG hervorging. Für ihn
spielen - wie für die Ideologen der EG - gemeinsame europäische
Institutionen eine wesentliche Rolle als Kristallisationskerne eines
ständigen Integrationsprozesses.
Victor Hugo (1802 - 1885)
Auf dem Zweiten Internationalen Friedenskongress in Paris
hielt dieser französische Schriftsteller am 21. 8. 1849 eine große
Rede, auf die sich Europäer bis heute beziehen:

Victor Hugo, eine Plastik von Auguste Rodin
„Wir sagen zu Frankreich, zu England, zu
Preußen, zu Österreich, zu Spanien, zu Italien, zu Russland: Es
wird ein Tag kommen, wo auch euren Händen die Waffen entsinken
werden! Es wird ein Tag kommen, wo ein Krieg zwischen Paris und London, zwischen
St. Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin töricht erscheinen und
unmöglich sein wird. Es wird ein Tag kommen, wo du, Frankreich,
du, Russland, du, Italien, du England, du, Deutschland, wo ihr Nationen des
Kontinents alle, ohne eure besonderen Eigenschaften und eure ruhmreiche
Individualität einzubüßen, euch innig in eine höhere
Einheit verschmelzen und die europäische Brüderlichkeit bilden
werdet. Es wird ein Tag kommen, wo es keine anderen Schlachtfelder mehr
geben wird als die Märkte, welche sich dem Handel, und die Geister, welche
sich den Ideen öffnen werden ...
Der Tag wird kommen, an dem die Kugeln und Bomben
ersetzt werden von den Abstimmungen der Völker, von dem
allgemeinen Wahlrecht, von dem ehrwürdigen Schiedsgericht eines
großen, souveränen Senats, der für Europa das sein wird, was
heute das Parlament für England, die Nationalversammlung für
Deutschland und die gesetzgebende Versammlung für Frankreich ist!
Es wird ein Tag kommen, wo man jene beiden ungeheuren
Gruppen: die Vereinigten Staaten von Nordamerika und die Vereinigten Staaten von
Europa einander gegenüberstellt, sich die Hände
über den Ozean hinüber reichen wird, ihre Produkte, ihren Handel,
ihren Gewerbefleiß, ihre Künste austauschen wird, den
Erdball urbar machen, die Wildnisse besiedeln, die Schöpfung unter dem
Blick des Schöpfers verbessern und - um daraus das allgemeine Wohl zu
ziehen, - jene beiden unendlichen Gewalten: die Brüderlichkeit
der Menschen und die Macht Gottes, miteinander verbinden wird
sehen ...“
Aus politischen
Gründen blieb das alles noch bei einer bloßen Idee, die
freilich Dimensionen
angenommen hatte, die schon weit in die heutige Zukunft wiesen.
Vielleicht hatten die napoleonischen Kriege noch keine
allzu ernste Bedrohung Europas dargestellt, um schon damals den Gedanken
an eine politische Einigung Wirklichkeit werden zu lassen. Vielleicht musste es
eine noch größere Zerreißprobe, eine wirkliche Katastrophe
geben, um aus der europäischen Idee eine europäische Realität zu
schaffen.
Vielleicht bedurfte Europa, um Europa zu werden,
wirklich noch der nun folgenden Epoche eines immer schrankenloser werdenden
Nationalismus mit ihrer - im Rückblick fast schon logisch erscheinenden -
Doppelkatastrophe zweier Weltkriege?
Immanuel Kant (1724 - 1804)
Der deutsche Philosoph betont in seiner Schrift
„Zum ewigen Frieden“ (1795) die Notwendigkeit, einen Bund der
Nationen zu schaffen; er entwirft ein Bundes-Europa. Vom Standpunkt der
Vernunft gibt es keinen anderen Weg einer Legalisierung der Beziehungen zwischen
den Staaten als den, eine Gemeinschaft zwischen den Völkern zu schaffen:
Auch Individuen müssen ihre totale Freiheit
aufgeben - diese würde nur zur Anarchie führen - und gewissen Regeln
gehorchen.
Georg Friedrich Hegel (1770 - 1831)
Der deutsche Philosoph beschreibt in seiner
Geschichtsphilosophie die Entwicklung Asiens, der Antike und des neueren Europa
als eine rein geistige Entwicklung, die mit Europa als dem wahren Ziel
der Geschichte ihren Endpunkt findet. „Die Weltgeschichte geht
von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der
Weltgeschichte, Asien der Anfang“. Europa ist die Verwirklichung der
der Geschichte innewohnenden Sinnhaftigkeit.
Während Hegel die zwangsweise Entwicklung der
Geschichte auf Europa hin rein philosophisch abhandelt und die Frage
europäischer Institutionen unbeantwortet lässt, beschäftigt sich
der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling (1775 bis 1854) genau mit diesem Problem. Für ihn ist nicht nur
Europa das Ziel der Geschichte, sondern dieser Geschichte wohnt die
automatische Entwicklung hin zu einem Staatenbund und zu einem internationalen
Gerichtshof inne.
Weitergesponnen wurden diese Gedanken von der
Überlegenheit Europas vom französischen Soziologen, Mathematiker
und Philosophen
Auguste Comte (1789 - 1857)
Der französische Philosoph bemüht sich
umfassend um die Begründung, warum die „weiße Rasse
das tatsächliche Vorrecht auf dem Gebiet der sozialen Entwicklung
besitzt“ und „Europa der wichtigste Faktor dieser ausschlaggebenden
Zivilisation“ ist.
Von der „rein“ scheinenden Philosophie
Hegels zur brutalen politischen Realität des Rassismus der
Europäer im 19. und 20. Jahrhundert lässt sich also eine deutliche
Linie ziehen. Dabei lässt sich nicht leugnen, dass die Idee eines
vereinten Europa starke Impulse erhielt aus dem Bewusstsein, dass
alle europäischen Völker letztlich den anderen Völkern der Welt
rassisch überlegen seien. Es gab also nicht nur den Rassismus einzelner
Völker Europas, sondern auch einen europäischen Rassismus.
Johann Kaspar Bluntschli (1801 - 1881)
Der Schweizer Professor für internationales Recht
benutzte als Vorbild für einen Staatenbund die Schweiz
selbst. Er verfällt dabei nicht der Illusion zu glauben, dass die
europäischen Völker - wie die Sprachgruppen der Schweiz - zu einem
Volk („Schweizervolk“) zusammenwachsen könnten.
Deshalb sollen grundsätzlich die staatlichen Verfassungen Europas
erhalten bleiben und der Bundesrat, bestehend aus Mitgliedern der einzelnen
Staaten, von einem Senat als direkte Volksvertretung der Bewohner Europas
ergänzt werden.
Konstantin Frantz (1817 - 1891)
Der deutsche Publizist ist in seinem Föderalismus
- Projekt dem Proudhons sehr ähnlich; er geht ebenfalls von
einzelnen regionalen Föderationen zur gesamteuropäischen
Föderation weiter. Nach seiner Meinung können überhaupt nur
föderalistische (und nicht zentralistische) Staaten geeignete Elemente
einer europäischen Föderation sein. Offensichtlich hat er dabei als
Ideal den Deutschen Bund (1815 - 1866) vor Augen.
Karl Marx (1818 - 1883)
Auch dieser deutsche Philosoph und Politiker hatte
seine Überlegungen zur europäischen
Einheit. Vor allem teilte er die Überzeugung Hegels, dass
Westeuropa der fortgeschrittenste und begabteste Teil der Welt sei,
also der einzige, der reif wäre, die Zukunft der Menschen zu formen.
Marx begrüßte die freiheitlichen Bewegungen beispielsweise der durch
das russische Joch unterdrückten Polen als „dialektische“
Etappe zur Einigung Europas in einer klassenlosen
Gesellschaft. Allerdings war er überzeugt, dass die
europäische Einigung niemals vom liberalen Bürgertum oder von
Idealisten von der Art Mazzinis herbeigeführt werden könnte, sondern
nur durch das Proletariat, dessen
Machtergreifung in Frankreich er so kommentierte:
„Der Sturz der Bourgeoisie in Frankreich, der
Triumph der französischen Arbeiterklasse, die
Emanzipation der Arbeiterklasse überhaupt, ist also das Losungswort der
europäischen Befreiung.“
Den großen Gegner der
„Befreiung Europas“ sah Marx in Russland: Als Mittelsmacht zwischen
dem fortschrittlichen Europa und der „mongolischen Barbarei“ werde
Russlands Weltmachtpolitik nie aufhören, die europäischen
Nationen „zum Narren zu halten“. Der „Polarstern der
russischen Politik“ werde die „Beherrschung der Welt“ bleiben.
Erst wenn es zum Sturz der russischen Gewaltherrschaft dank des
„Fortschritts der Massen“ und der „Kraft der Ideen“
komme, erst dann könne wirklich „die Macht und Einheit“
Europas neu begründet werden.
Denker wie Renan oder der Schweizer Diplomat und
Historiker Jakob Burckhardt (1891 bis 1974) schmetterten
den Europäern des nationalistischen Zeitalters gleichsam ins Gesicht,
dass Retter Europas nur jemand sein könne, der es vor der Gefahr der
politisch-religiös-sozialen Zwangseinheit bewahrte, die seine
spezifische Eigenschaft, nämlich den Reichtum seines Geistes, bedrohte.
Und der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)
betrachtet in seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“ den
Nationalismus als „Wahnsinn“, der eine „krankhafte Entfremdung“
zwischen die Völker Europas gelegt hat. Nietzsche wünscht sich
geradezu ein bedrohliches Russland, damit Europa endlich „Einen
Willen“ bekomme. Die kleine Politik sei vorbei - schon das nächste
Jahrhundert bringe den Kampf um die Erd-Herrschaft, mithin den Zwang zur
großen Politik.

Schon in einer Vorahnung größerer
kriegerischer Auseinandersetzungen hatte es eine Reihe von Friedenskongressen
gegeben, bei denen auch die Idee eines vereinten Europa erörtert
wurde; hierbei spielte auch die spätere österreichische
Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843 bis 1914) eine
bedeutende Rolle.
Über diese Rolle lesen
wir in der Suttner-Biographie von Brigitte Hamann:
Auf dem Friedenskongress in Bern 1892 stellte Suttner
mit dem Italiener Moneta und dem Engländer Capper einen Antrag mit dem Titel
„Europäischer Staatenbund“. Suttner später: „Damals
noch eine ganz unverstandene Idee; allgemein verwechselt mit „Vereinigte
Staaten“ nach dem Muster Nordamerikas, und für Europa verpönt.
Im Antrag hieß es, dass die Kriegsgefahren
„ihren Grund in dem Zustande der Rechtlosigkeit haben, in
welchem die verschiedenen Staaten Europas einander gegenüberstehen“.
Ein europäischer Staatenbund, „welcher auch im Interesse der Handelsbeziehungen
aller Länder wünschenswert wäre“, würde dagegen
„dauernde Rechtsverhältnisse in Europa schaffen“
ohne „die Unabhängigkeit der einzelnen Nationen hinsichtlich
ihrer inneren Angelegenheiten, daher auch ihre Regierungsformen ... (zu)
beeinträchtigen“.
Der Friede unter den Völkern Europas sollte also
die erste große Etappe auf dem Weg zum Weltfrieden sein. ... „Wir
wollen ein Pan-Europa.“ Der sehr junge Graf Coudenhove-Kalergi, der spätere
Gründer der Paneuropa-Bewegung, holte sich erste Anregungen bei der
„Friedensbertha“.
Je größer die Kriegsgefahr in Europa wurde,
desto dringender beschwor die Suttner ihr Ideal und schrieb:
„’Europa’ ist schon mehr als ein geographischer Begriff, es
ist - man könnte sagen - eine latente Persönlichkeit
geworden“ Es fehle ihm aber noch die Existenz. „Es besteht ja
noch - im politischen Sinn - aus gegnerischen Gruppen, die sich gegenseitig
zu balancieren und zu imponieren trachten, wobei jede sich selber dem
wirtschaftlichen Ruin entgegentreibt. ‚Ein geeinigtes, verbündetes
Europa“, dies hat fortan das Losungswort des geklärten
Pazifismus zu sein. Das kann man nicht oft genug wiederholen.“
Als gewisses Paradoxon ist
wohl anzusehen, dass diese Zeit des wachsenden Nationalismus auch die Zeit des
grenzenlosen Glaubens an die Überlegenheit Europas war: Die Expansion
außerhalb Europas, der Fortschritt und die weitere Ausbreitung der
europäischen Zivilisation mussten fast zwangsläufig zum Glauben
führen, dass die Weltgeschichte ihren Höhepunkt in der
europäischen Zivilisation erreicht habe.
Nun werden die Begriffe „Europa“ und
„Zivilisation“ zum Synonym der Epoche (wie früher
„Freiheit“ und „Christentum“. Erst im Zuge des Ersten
Weltkriegs (1914 - 1918) stirbt die Gleichsetzung von Europa und
Zivilisation: Kann jemand nach der Hölle von Verdun noch an einen
ununterbrochenen Fortschritt und an Europa als die Wiege der Zivilisation
glauben?
Europa wird nun mit Degeneration und Abstieg
gleichgesetzt. Aber auch das war eine Form des (gemeinsamen) europäischen
Bewusstseins geworden.
Neben Plänen zur Vereinigung des gesamten
Europa (mit oder ohne Russland bzw. die bald entstehende Sowjetunion)
wurden auch Pläne zur Einigung von Teilen Europas entworfen; solche Teileinigungspläne
schienen, da sie ja von vornherein nur Gebiete umfassen wollten, zwischen denen
ein „natürlicher“ Zusammenhang gesehen wurde, höhere
Chancen zur Realisierung zu haben - letztlich konnte aber keiner dieser
Pläne verwirklicht werden.
Ab 1923 wurde eine Reihe von Plänen für ein
vereintes Gesamteuropa vorgelegt; den größten Einfluss gewann
Richard Coudenhove-Kalergi.
Richard Nicolaus Graf
Coudenhove-Kalergi (geb. 1894 in Tokio, gest. 1972 in Schruns/Vorarlberg)
hatte eine japanische Mutter und einen österreichischen
Diplomaten flämischer Herkunft zum Vater - wohl ein untadeliger
Hintergrund für jemanden, der auf dem Gebiet internationalen
Verständnisses arbeitete. Die Vorkriegsjahre verbrachte er im zweisprachigen
Böhmen und übersiedelte danach in das kosmopolitische
Wien.Die Ereignisse des Ersten Weltkriegs und der
Zusammenbruch der Monarchie lösten in ihm große Hoffnungen sowohl in
Wilsons Programm als auch in den Völkerbund aus. Bald war er von beidem
enttäuscht und nun überzeugt davon, dass nur eine umfassende
politische Einigung die Probleme des Kontinents überwinden könnte.
So warb er 1923 in seinem Buch „Paneuropa“
für die Gründung einer „Paneuropäischen Union“ als
einer internationalen „pressure group“ für die
europäische Einigung.
Coudenhove-Kalergi erkannte, dass sowohl die Ära
der europäischen Vorherrschaft in der Welt als auch die Ära der
Vorherrschaft der weißen Rasse gebrochen war. Der Abstieg Europas zu
einem bloßen Spielball anderer Mächte könnte aber durch seine
Einigung aufgehalten werden. Die Wurzeln der europäischen Krankheit (und
die Chancen zur Genesung) lägen in folgenden Überlegungen - in
Form einer indirekten Antwort auf Oswald Spenglers „biologische“
Argumente zum „Untergang des Abendlandes“ (1918 bis 1922):
· der Grund für Europas
Abstieg ist politisch, nicht biologisch
· Europa stirbt nicht wegen
seines hohen Alters, sondern weil seine Einwohner einander mit den
Mitteln der modernen Wissenschaft töten wollen
· die Völker Europas sind
nicht alt - alt ist ihr politisches System
· sobald ein radikaler Wechsel
des politischen Systems erfolgt, wird es zu einer vollständigen
Erholung des kränkelnden Kontinents kommen
Die notwendige Modernisierung des politischen Systems
in Europa muss in Form einer umfassenden Zusammenarbeit
bestehen, die an die Stelle der bisherigen Anarchie tritt - schon deshalb, weil
der technische Fortschritt das System kleiner, einander bekämpfender
Staaten obsolet gemacht hat. Auch seien die europäischen
Großmächte zu schwach geworden; sie werden nun ersetzt durch
bundesmäßig organisierte Weltmächte, wie man solche in Amerika
(sowohl an den USA als auch der Panamerikanischen Union), der Sowjetunion und
dem British Empire erkennen kann.
Freilich waren ihm die Probleme einer Definition
Europas bewusst:
· geographisch ist Europa
bloß der Westen des riesigen eurasischen Kontinents ohne natürliche
Abgrenzung nach Osten
· kulturelle und politische
Abgrenzungen haben sich schon seit der Zeit der alten Griechen laufend
verschoben; kulturell hat sich Europa zwar auf alle Kontinente ausgedehnt,
im Gegensatz dazu gibt es aber keine politische Einheit Europas - daher gibt
Coudenhove diesem künftigen politischen Europa den Namen Paneuropa,
um es vom geographischen und kulturellen Europa zu unterscheiden
Ausgeschlossen aus diesem Paneuropa-Plan bleiben sowohl
Britannien als auch Russland:
· Aus Coudenhoves Sicht war Britannien
„aus Europa herausgewachsen“, zu einem eigenen politischen
Kontinent geworden, zu groß und zu mächtig, um in Paneuropa einbezogen
zu werden. Trotzdem sollte es Beziehungen auf Grundlage einer Zusammenarbeit
und mit militärischen Garantien geben. Beide sollten sich die
„Kulturelle Aufgabe Europas“ teilen, d. h. die Europäisierung
anderer Teile der Welt. Britannien könnte auch die Rolle eines Vermittlers
zwischen Paneuropa und Panamerika spielen - immerhin hätten alle drei die
gleiche Kultur und vertreten die gleichen demokratischen
Werte. Sollte Britannien aber dereinst sein Empire verlieren, wäre seine
Einbeziehung in Paneuropa natürlich.
· Kritischer war Coudenhoves
Verhältnis zu Russland. Durch das Einschlagen des bolschewistischen
Weges hätte Russland den nun in Europa vorherrschenden demokratischen
Grundsätzen den Rücken gekehrt, sodass die Grenzlinie zwischen den
neu gegründeten osteuropäischen Demokratien und Russland
nun die östliche Grenze Paneuropas bilden sollte. Zudem betrachte
sich Russland selbst eher als eurasische Großmacht mit der Absicht,
eine unabhängige Rolle in der Weltpolitik zu spielen.
Die Hauptaufgabe Paneuropas war zweifellos die
Sicherung des Friedens:
· intern durch die
Einrichtung übernationaler Strukturen mit Institutionen zur Streitschlichtung
und vielseitigen Zusammenarbeit; gerade die Zusammenarbeit würde das
Risiko von Grenzstreitigkeiten vermindern, da Grenzen immer weniger erforderlich
würden
· extern durch eine
paneuropäische Verteidigungsgemeinschaft zum Schutz der kleinen
europäischen Nationen gegen Bedrohungen von außen, besonders seitens
Russland
Neben dem Sicherheitsargument standen Überlegungen
zur Wirtschaft. Der noch immer vorherrschende Wunsch nach wirtschaftlicher
Autarkie und ein zerstörerisches Wettrüsten zwischen den
europäischen Staaten würden eine ständige Krisensituation bewirken
und den Wiederaufbau nach dem Krieg beeinträchtigen. Andererseits aber
könnte Paneuropa überflüssig werdende
Militärausgaben besser in seine wirtschaftliche Entwicklung investieren
und durch Einrichtung eines gemeinsamen Markts - also ohne innere Zollschranken
- eine hervorragende Rolle im Welthandel spielen.
Reich wie Amerika und friedlich wie die Schweiz, so
stellte sich Graf Coudenhove-Kalergi sein Paneuropa vor.
Coudenhove-Kalergi erwartete, dass seine
paneuropäischen Ideen von jedem Demokraten und Patrioten geteilt
werden müssten. Gegen die Abtretung geringfügiger
Souveränitätsrechte würden alle Staaten wirtschaftliche
Blüte und dauerhaften Frieden eintauschen - und ihre nationalen Kulturen
würden durch den freien Austausch unter allen europäischen Schulen
profitieren. Umgekehrt würden die Feinde Europas gefunden werden
unter:
· den extremen Linken
(Kommunisten)
· den extremen Rechten
(Militaristen und nationale Chauvinisten)
· vor allem unter denen, die
wirtschaftlich von den Grenzen und dem Protektionismus abhängig
wären
Am ersten Paneuropa-Kongress, der 1926 in Wien
stattfand, nahmen über 2.000 Europäer aus 24 Nationen teil. Die bei
diesem Kongress gegründete Paneuropäische Union hatte bald
Zweigstellen in allen europäischen Staaten. Von ihnen aus wurden
große Anstrengungen unternommen, um Politiker und andere
zur Unterstützung der Bewegung zu beeinflussen.
Das Symbol der Paneuropa-Bewegung war ein rotes Kreuz
auf goldener Sonne (als das Kreuz Christi auf der Sonne Apollos =
übernationale Humanität mit dem strahlenden Geist der Aufklärung);
auf der Fahne fand sich dieses Symbol auf hellblauem Grund (der blaue Himmel
als Abbild des ungetrübten Friedens).
http://www.abbc.com/berlin/paneurop.htm
Einer der europäischen Politiker, die von
Coudenhoves Ideen angetan waren, war der Franzose Aristide Briand (1862
- 1932); er forderte 1929 vor dem Völkerbund die Schaffung einer Art
bundesstaatlicher Verbindung zwischen den europäischen
Nationen. Wenig später lud er alle im Völkerbund
vertretenen europäischen Außenminister zu informellen
Gesprächen über die europäische Einheit ein. Briands Vorschläge
fanden freundliche Aufnahme; man bevollmächtigte ihn mit der
Abfassung eines offiziellen Memorandums mit konkreten Vorschlägen - dieses
sollte den europäischen Regierungen vorgelegt werden.
Briand stellte sein Memorandum am 1. Mai 1930 fertig
und legte es nicht nur 26 europäischen Regierungen, sondern auch dem
Völkerbund vor.
Im Vorwort erwähnt er, dass die Hauptgefahr
für die Sicherheit Europas darin liege, dass Europa noch immer in eine
große Zahl kleinerer - miteinander konkurrierender - Staaten geteilt
sei.
Briands Konzept
Zur Verwirklichung der Einheit schlägt Briand -
unter Aufnahme von Anregungen Coudenhove-Kalergis - folgende Schritte vor:
1. Ausarbeitung eines Vertrages, der die
Grundsätze der europäischen „Moralischen Union“
festhält und die Solidarität der Partner bestätigt.
2. Der Vertrag soll die europäischen
Regierungen zu regelmäßigen Konferenzen verpflichten. Das Hauptorgan
der Zusammenarbeit ist eine „Europäische Konferenz“ für
alle Partner. Zwischen den Konferenztagungen führt ein ständiges
„Politisches Komitee“ die Geschäfte.
3. Die Grundlagen und Ziele der
Zusammenarbeit werden formell festgelegt, beispielsweise ein
schrittweiser Abbau der Zollgrenzen, akademische Austauschprogramme,
gemeinsame Gesundheitsprogramme, gegenseitige Hilfe in Krisenzeiten usw.
Dieser Vorschlag beinhaltet aber nicht nur eine
Delegiertenversammlung und ein politisches Komitee, sondern auch ein
ständiges europäisches Sekretariat sowie einen europäischen
Gerichtshof, also eine Reihe von heute geläufigen supranationalen Institutionen
der Justiz, Legislative und Exekutive. Aber Briands Projekt war bemüht,
die absolute Souveränität der Staaten zu bewahren,
wodurch die Föderation praktisch handlungsunfähig
geworden wäre.
Zur allgemeinen Überraschung aber wollte Briand
der von ihm geplanten Vereinigung keinerlei Kompetenzen geben - hingegen
betonte er wiederholt, dass die Vereinigung auf keinen Fall in Konkurrenz zum
Völkerbund stehen sollte, und forderte sogar, dass sich die
europäische Vereinigung dem Völkerbund unterordnen sollte. Daher
sollte auch eine Mitgliedschaft beim Völkerbund Voraussetzung
für eine Teilnahme an der europäischen Vereinigung werden.
Er unterstrich, dass das Hauptziel der Zusammenarbeit die Übereinstimmung,
nicht die Einheit sei. Da Briand jede Einschränkung der
Souveränität der europäischen Staaten ablehnte, hatte sein Plan
eher nur das Ziel einer losen Zusammenarbeit.
Im Unterschied zu Coudenhove plante Briand die
Einbindung Großbritanniens - vor allem als Gegengewicht gegen ein
allfällig wiedererstarkendes und politisch unstabiles Deutschland.
http://www.let.leidenuniv.nl/history/rtg/res1/briand.htm
Mittlerweile aber hatten Entwicklungen begonnen, die
allen Bestrebungen nach einer europäischen Einigung nicht nur im Wege
standen, sondern eine neuerliche, noch blutigere Spaltung hervorrufen sollten:
· Die Weltwirtschaftskrise (1929) verursachte
Massenarbeitslosigkeit und politische Unruhen und zwang die Regierungen,
protektionistische Maßnahmen (vor allem in Form wirtschaftlicher
Abgrenzung) zu ergreifen.
· Eine der Folgen der
Wirtschaftskrise war nun das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland -
gepaart mit Nationalismus und Revanchismus.
Seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
gab es in Europa keinen Raum mehr für Ideen wie die Coudenhoves oder
Briands. Und außerdem war ja Mitte der dreißiger Jahre das
parlamentarisch-demokratische System, das sich nach dem Ersten Weltkrieg in den
meisten Staaten Europas etabliert hatte, wieder auf einige wenige Staaten
beschränkt - darunter Großbritannien, Frankreich, Tschechoslowakei
und die skandinavischen Länder.
Europa begann der Welt ein Bild von Diktatur,
Rassismus und Völkermord zu bieten.
Erst der Ausbruch des Krieges führte zu einer
Wiederbelebung der Pläne für eine europäische Einheit, vor allem
in den verschiedenen Widerstandsbewegungen. Dabei lag die Motivation nicht nur
auf dem Gebiet der Sicherheit und der wirtschaftlichen Gesundung Europas,
sondern vor allem auch auf moralischen und ideologischen Gebieten
– und in der Erkenntnis, dass die Sicherung der Freiheit und der
Menschenrechte nur durch eine Überwindung des Systems der Nationalstaaten
erfolgen könne.
Denn man erkannte nun - wohl endgültig - als
Ursache aller Probleme (und damit als den wahren Schuldigen) den
übertriebenen Nationalstolz. Der Nationalstaat aber war nun auf jede
mögliche Weise in Misskredit geraten:
· wirtschaftlich in
seiner Unfähigkeit, Krisen zu vermeiden
· militärisch in
seiner Unfähigkeit, seine Bürger zu schützen
· moralisch durch
seinen nationalistischen Chauvinismus
Die meisten nichtkommunistischen Führer des
Widerstands sahen daher die einzig mögliche Lösung in der
Bildung eines Bundes europäischer Staaten oder sogar in der Schaffung von
„Vereinten Staaten von Europa“. Mitunter wurde sogar die
Notwendigkeit betont, Deutschland einzubinden und jede
Art nationalistischer Revanche zu vermeiden.
Im Mai 1944 forderten Mitglieder von Widerstandsbewegungen
aus neun europäischen Staaten anlässlich einer geheimen
Zusammenkunft in Genf die Gründung einer Union europäischer
Staaten; ihre Hauptargumente hiefür lauteten:
· die Notwendigkeit,
Deutschland in das europäische Leben ohne Bedrohung seiner Nachbarn
einzubeziehen
· die Notwendigkeit, nationale
Minderheiten zu schützen
· die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Krieg - ohne
diese wäre jede demokratische Ordnung bedroht
In einem in Genf ausgearbeiteten Dokument finden sich
nicht nur die Grundzüge einer föderalistischen Verfassung Europas,
sondern auch die Idee, dass eine europäische Regierung nicht den
Regierungen der verschiedenen Mitgliedstaaten verantwortlich sein sollte,
sondern den Völkern direkt; und dass diese Regierung eine europäische
Armee als Exekutivorgan zur Verfügung haben sowie von einem europäischen
Gerichtshof ergänzt werden sollte. Von da ab bildeten sich in allen europäischen
Ländern föderalistische Bewegungen, die dann 1947 ihren ersten
großen Kongress nach dem Krieg abhielten. Sie alle wurden von
jungen, aus dem Widerstand hervorgegangenen Männern geführt.
http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/widerstand/
Allerdings erwies sich noch die Haltung der Sowjetunion als ein Haupthindernis für alle
Pläne einer Vereinigung.
Schon 1915 hatte der sowjetrussische Politiker Lenin (1870 - 1924) jedes derartige Projekt
als „entweder unmöglich oder als reaktionär“ bezeichnet;
unter kapitalistischer Führung wären die
„Vereinten Staaten von Europa“ nichts anderes als ein kapitalistisches
Instrument zur Aufteilung der Kolonien und zur Stärkung der reaktionä-
ren Monarchien. Erst nach einem weltweiten Sieg des Sozialismus
wären „Vereinte Staaten der
Welt“ möglich - aber mit der dann folgenden
Einführung des Kommunismus würde der Staat als solcher
ohnedies verschwinden.
1929 verurteilte Stalin (1879 - 1953) den
Briand-Plan als reaktionär und gegen die Sowjetunion gerichtet. 1943
drohte Stalin den westlichen Alliierten sogar mit dem Abschluss eines
Sonderfriedens mit Deutschland, um den Westen davon abzuhalten,
weitere Pläne mit
Osteuropa zu schmieden; daher bestand Stalin auch
darauf, Osteuropa gemäß der Vereinbarung zwischen Ribbentrop
und Molotow (August 1939) besetzt zu halten.
Die USA gaben diesen Wünschen der Sowjetunion
zunächst auch nach - einerseits, um die Zusammenarbeit mit ihr nicht
zu gefährden - andererseits aber hofften sie, nach dem Krieg als
Nachfolgeorganisation des Völkerbundes eine neue Weltorganisation
gründen zu können; in diesem Schema aber schien ein vereintes
Europa eher kontraproduktiv zu sein.
Das Endergebnis war jedenfalls die Teilung Europas in
„Einflusssphären“ und die Wiedererrichtung
der Nationalstaaten - nachdem die Sowjetunion ihren Anteil erhalten hatte.
Vergessen waren die großen Visionen der Kriegszeit; die Proteste der
Widerstandsbewegungen gegen die Aufsplitterung Europas
verhallten, der Krieg endete in Erschöpfung, Hass und Racheplänen
gegen Deutschland.
Als die amerikanischen und die sowjetischen Soldaten
einander im Mai 1945 in Berlin mit Handschlag begrüßten,
markierte diese Geste nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern -
für einige Jahrzehnte - auch das Ende von Europa als Weltmacht.
Trotzdem hatte man eine Lektion gelernt: Schuld an der
Katastrophe war eindeutig die nationalistische Ordnung Europas
in der Zwischenkriegszeit gewesen. Illusionen einer anderen Ordnung
ließen sich jetzt, unmittelbar nach dem Krieg, nicht verwirklichen, doch
war zuallererst eine wirtschaftliche Erholung (unter Hintanstellung
größerer politischer Visionen) nötig. Diese Überlegung
aber führte bald zu ersten Schritten einer tatsächlichen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit - die Grundlage der kommenden
tatsächlichen Einigung war geschaffen.
Testfragen 10
1) Nach
welchen Gesichtspunkten wollte William Penn die Zahl und die Gewichtung der
Repräsentanten eines künftigen europäischen Staatenbundes
gestalten?
2) Kann
Napoleon als einer der „Gründer Europas“ bezeichnet werden?
3) Worin
sah Graf Coudenhove-Kalergi den Hauptgrund für den Abstieg Europas nach
dem ersten Weltkrieg?