Christliches Mittelalter

 

Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Erdteil bewohnte; ein großes ge­meinschaftliches Interesse verband die entle­gensten Pro­vinzen dieses weiten geistlichen Reichs. Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes Frieden stiftendes Amt installieren.

(Novalis)

Das politische Ende des Imperium Romanum 476 n. (Absetzung des letzten Kaisers Romu­lus Au­gustulus durch den germanischen Fürsten Odoaker) war keineswegs gleichbedeutend mit einem Ende der grie­chisch-römischen Kultur, denn bald sorgte das Christentum für eine Kontinuität des klassischen Erbes über das Imperium hinaus. Ent­scheidend dafür war der Übertritt des Fran­kenkönigs Chlodwig zum Christentum (496), denn damit schlos­sen die Franken an die christ­lich-antike Tradition an.

 

Kirche und Papsttum bewahrten vor allem im Westen wesentliche Elemente römischer Ver­fas­sung und Verwaltung ebenso wie Recht und Brauchtum, Sprache, Literatur und Kunst sowie Ein­richtungen und Techniken des täg­lichen Lebens in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe und tru­gen sie in die neu entstehenden Herrschaften. Eine besondere Funktion übernahmen dabei die klösterlichen Gemeinschaften, die vor allem das literarische und wis­sen­schaftliche Erbe der An­tike ins Mittelalter hinüberretteten. Was wir als Mittel­alter be­zeichnen, ist also überwiegend die Schöpfung des Christentums.

 

Vor allem waren die Mönche vom römischen Sinn für Tradition geprägt und daher auch davon überzeugt, dass mit der lateinischen Literatur (die ja auch griechisches Geistesgut mit einbezieht) etwas Großes, Einmaliges in die Welt gekommen ist. Die Weitergabe dieses Erbes war für die Mönche gleichbedeu­tend mit der Verteidigung der menschlichen Würde.

 

Ab dem 5. Jahrhundert n.  treten Name und Begriff Europa immer häufiger in Erscheinung: bei feierlichen Anreden an den Papst, in kirchlichen Lobgesängen, Heiligenlegenden, in Aufrufen und festlichen Kundgebungen.

 

754 bezeichnet der Chronist Isidor von Sevilla in der Mozarabischen Chronik“ die in der Schlacht von Tours und Poitiers von Karl Martell gegen die Sarazenen ge­führte Koali­tions­armee als „Europäer“. Zum ersten Mal ist hier mit dem Wort Euro­päer eine kontinentale Gemeinschaft angesprochen, die alle Völker nördlich der Pyrenäen und der Alpen umfasst und die sich gegen einen gemeinsamen Feind verteidigt. Manche bezeichnen aus diesem Grund die Mozarabische Chronik als „Geburtsurkunde Europas“.

800 wird Karl der Große (768 - 814) von seinem Hofpoeten Engelbert als „rex, pater Europae“ bezeichnet, auch als „Europae veneranda apex“ („Gipfel, Krone Europas“).

 

Karls Krönung zum Kaiser 800 festigte einerseits das Bündnis zwischen dem Frankenreich und dem Papsttum und belebte andererseits die antike Reichsidee im Westen (in Konkurrenz zum oströmischen Kaiser in Konstantinopel)  wieder neu.

 

Gerade als Folge der Eroberungen Karls des Großen, der aus Gallien immer weiter in die ger­ma­­nisch-slawischen Gebiete vordrang, der die Pyrenäen überschritt und Spanien eroberte, der die Lombarden in sein Reich integrierte - gerade durch diese viele Völker umfassende Aus­dehnung seines Reichs waren die Chronisten und Lobredner seiner Zeit fast gezwungen, für alle diese Völ­ker einen zusammen­fassenden Namen zu finden - und dieser Name war eben Europa.

 

Europa wurde - unter dem wachsenden Einfluss der Kirche - schließlich auch als Kontinent des Glau­bens empfunden, der dem Orient  Jesu Christi näher stünde als dem Klassischen Okzident.

 

843 jedoch wird das Reich im Vertrag von Ver­dun unter den Enkeln Karls geteilt: Karl der Kahle erhält den Westen (das spätere Frank­reich), Ludwig der Deutsche den Osten (das spätere Deutschland) und Lothar den Mit­telteil, aus dem später Lothringen und mehrere andere europäi­sche Staaten hervor­ge­hen sollten. Diese Teilung markiert letztlich den Be­ginn der nationalen Zersplitterung und nicht zuletzt den Beginn des über tausend Jahre währenden Gegensatzes zwi­schen Frankreich und Deutschland - ein Gegen­satz, der erst durch die Gründung der Montan­union 1951 überwunden zu sein scheint.

 

Die Reichsteilung im Vertrag von Verdun 843

 

 

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