Geschichte der
europäischen Idee
Theodor Heuss, der
deutsche Schriftsteller und Politiker (und erste Bundespräsident der Bundesrepublik
Deutschland: 1949 - 1959) sieht den Ausgang Europas von drei Hügeln:
Akropolis
(Wert der Freiheit, Philosophie und Demokratie)
Kapitol (Recht und staatliche Ordnung)
Golgatha
(Christentum und damit Menschenrechte und Solidarität)
Will man sich also mit der europäischen Idee
befassen, muss man mit der Antike und der christlich/jüdischen Religion
beginnen und sieht von hier einen großen Bogen über die heutige
europäische Union mit einem noch offenen Ende, das wohl erst künftige
Generationen zu gestalten vermögen.
Ein Volk ist groß nicht nur durch die Zahl
seiner Mitglieder oder durch die Fläche seines Landes, sondern
durch die Ideale, die es verkörpert. Dadurch war Hellas groß - ebenbürtig
Persien, Indien, China: denn im kleinen Hellas wurde die große Idee
der Freiheit und Persönlichkeit geboren, erkämpft und verteidigt.
Darum waren die Griechen die ersten Europäer - mit allen Tugenden
und Lastern; und darum ist die griechische Geschichte und Kultur ein
Vorerlebnis unserer eigenen Geschichte und unserer eigenen Kultur.
(Coudenhove-Kalergi)
Wenn wir von der Annahme ausgehen, dass die
natürlichen Umweltbedingungen wie Landschaft und Klima einen
prägenden Einfluss auf das Wesen der unter diesen Bedingungen lebenden Menschen
haben (und dass das besondere Wesen der Europäer auf eben diese Bedingungen
zurückzuführen ist), dann mag Griechenland gleichsam
als „Europa im Kleinen“ verstanden werden.
Kleinräumige Ebenen, abgegrenzt durch schwer
passierbare Gebirgszüge, begünstigten in Griechenland
mehr als anderswo die Entwicklung kleinerer - auf Selbständigkeit
und Freiheit bedachter - Gemeinwesen. So sehr schätzten die Griechen diese
ihre Selbständigkeit und Freiheit, dass sie sich nicht einmal in
Zeiten äußerster Bedrohung (wie diese vor allem in den
Perserkriegen 500 - 448 v. fühlbar wurde) einer einheitlichen gesamtgriechischen
Führung unterstellen wollten.
So hat das „typisch europäische“ Ideal
der Freiheit
seine eigentliche Wurzel in Hellas, dem alten Griechenland, und zwar als
Freiheit in zweifacher Richtung: als Freiheit eines noch so kleinen
Gemeinwesens gegenüber einer größeren Völkergemeinschaft
(als welche Gesamtgriechenland schon damals durchaus gefühlt wurde)
wie auch als politische Freiheit des einzelnen - damals freilich nur
männlichen - Bürgers gegenüber der Organisation seines
Gemeinwesens. (Können wir bereits hier, im Freiheitsbegriff vor
zweieinhalb Jahrtausenden, eine der geistigen Leitlinien der heutigen
Europäischen Union erkennen? Aber auch innerhalb der Union regt sich
mitunter Widerstand gegen „allzu viel Brüssel“.)
Jedenfalls schufen die Griechen mit ihren Idealen der
Freiheit und der Demokratie (als deren Schöpfer gelten
Solon, 640 - 560 v. und Perikles, 500
bis 429 v.) zwei Grundpfeiler der europäischen
Identität.

Perikles
Die in Griechenland geborene Antike
(„Klassisches Altertum“) gilt aber auch in anderer Hinsicht
als die Wiege abendländischer Kultur. In dieser Zeit wurden wesentliche
Grundlagen für die gesellschaftliche, politische und geistige
Entwicklung des Kontinents gelegt. Der frühzeitige kulturelle
Reichtum Griechenlands ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass
die Griechen infolge der Kleinräumigkeit ihrer Landschaften und der
einzigartigen Gliederung ihrer Küsten aufs Meer gewiesen wurden und daher
rasch bereichernde Bekanntschaften mit anderen Kulturen machten, wie etwa den
Kretern, Ägyptern, Syrern, Mesopotamiern und Kleinasiaten.
In Griechenland entstand parallel zur Ausbildung der
Stadtstaaten eine aristokratische Herrschaftsstruktur, die die
Herrschaft einzelner ablöste. Das ermöglichte einen Wettstreit der
Meinungen, wie er in Theokratien und anderen
Herrschaftsformen nicht möglich war.
Die innere Struktur eines Stadtstaats (Polis) zeichnete sich durch Machtausgleich
und verbriefte Selbstbestimmungsrechte aus. Diese Struktur wirkte im
europäischen Städtewesen ebenso fort wie in den politischen
Strukturen späterer Gesellschaften. Die geringe Größe der
politischen Einheiten erlaubte die Beteiligung breiter Schichten an der Willensbildung.
Die Menschen begannen, sich Gedanken über Fragen
wie Gerechtigkeit zu machen und
entwickelten gesellschaftliche Grundwerte wie beispielsweise den Schutz
schwächerer Glieder des Gemeinwesens. Die Natur des Menschen und
die gerechte Staatsführung wurden zu Hauptthemen griechischer Philosophie.
Der sich entwickelnde Gegensatz zwischen Volk und Adel führte zu einer verstärkten
Beteiligung des Volks an den Entscheidungen über die Belange des Gemeinwesens
und förderte in der Folge die Entwicklung des Rechtsstaates.
Der Parthenon-Tempel
auf der Akropolis,
Symbol des alten Hellas
Dass das Wort „Europa“ erstmals in Europa
gerade in Griechenland verwendet wurde, ist mehr als ein Symbol: Europa wurde
in mancherlei Hinsicht gerade in Griechenland geboren. Und bezeichnend ist,
dass der ursprüngliche Begriff Europa auf einer doppelten Konfrontation
beruhte:
· militärische
Verteidigung der Griechen gegen die Perser
· Abgrenzung
der griechischen Zivilisation gegenüber den „Barbaren“
Nach Coudenhove-Kalergi
sollte das Schicksal des antiken Griechenlands den Baumeistern des
heutigen Europa zu denken geben: Damals schienen die Griechen allen Nachbarn
überlegen: kulturell, künstlerisch, geistig - zudem waren sie
hervorragende Krieger mit erstklassiger Bewaffnung. Nichts lag
also näher als ein Zusammenschluss - statt dessen
gab es weitere Bruderkriege, so lange, bis die Freiheit ihres Landes für
zwei Jahrtausende erlosch. (Ein ähnlich warnendes Beispiel bot dann
Italien im späten Mittelalter: Zersplittert in souveräne Staaten
hätte sich Italien nur durch einen Zusammenschluss vor immer neuen
Invasionen retten können. Statt dessen folgte ein Bruderkrieg auf den
nächsten.)