Vielleicht kann Musik überhaupt als die
„europäische“ Kunst schlechthin betrachtet werden: Der
deutsche Kulturphilosoph Oswald Spengler (1880 - 1936) sieht das Wesen des
abendländischen Geistes in einem Streben nach Höhe
(symbolisiert durch den gotischen Spitzbogen), nach Unendlichkeit und letztlich
nach Auflösung - und gerade dieses Streben verwirkliche sich am reinsten
in der Musik, deren Wesen ja letztlich in einer Nichtfasslichkeit, einer Auflösung
bestehe.
Wie alle anderen Bereiche der Kultur erreichte auch
die Musik im antiken Griechenland ihre erste Blüte. Wahrscheinlich unter
dem Einfluss der Ägypter gab es dort seit dem 8. Jh. vor Christi Geburt
musikalische Feste und Wettkämpfe. Die Musen (die Töchter des Zeus
und der Mnemosyne, der Göttin des
Gedächtnisses), deren Tätigkeit alle Künste und Wissenschaften
umfasste, gaben dieser Kunstform den Namen.
Der erste Samen für
eine „europäische“ Stilrichtung der Musik wurde im Mittelalter
durch die fahrenden Sänger gelegt, die vor jedem Publikum Epen zur
Unterhaltung und Belehrung vortrugen und sich selbst auf Harfe oder Drehleier
begleiteten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung waren die Troubadours in
Südfrankreich, deren Kunst sich mit der Ritterkultur über ganz
Westeuropa verbreitete und dem deutschen Minnesang als Vorbild diente.
Die wertvollste Sammlung weltlicher lateinischer Lyrik
des Mittelalters, der Vagantenpoesie, sind die Carmina Burana, benannt nach ihrem Fundort im
bayrischen Kloster Benediktbeuren. Die
Melodien sind teilweise aufgezeichnet. Die Vertonung dieser Lieder durch Carl Orff (1895 - 1982) im 20. Jahrhundert zählt zu den
populärsten Werken neuerer Chormusik.
Waren bereits zahlreiche
Minnesänger in verschiedenen Teilen Europas tätig gewesen, so kommt
es ab der Barockzeit erst recht zu einer wahrhaft europäischen
Entwicklung, da Virtuosen und Komponisten in verschiedene Länder und an
verschiedene Fürsten- und Königshöfe reisten; der dadurch bewirkte
Austausch schuf das übergreifend „Europäische“ an der
europäischen Musik.
Dazu nur einige Beispiele dieser Zeit:
Der italienische Cembalist und Organist Girolamo Frescobaldi (1583 -
1643) war auch in den Niederlanden tätig. Arcangelo
Corelli (1653 -
1713), der berühmteste Violinvirtuose seiner Zeit, wirkte in
Frankreich, Schweden und Bayern und unterrichtete Schüler aus ganz Europa
in Rom.
Domenico Scarlatti (1685 -
1757), vielleicht der großartigste Cembalovirtuose aller Zeiten, hielt
sich viele Jahre in Portugal und Spanien auf. Er wurde durch einen Band von
Cembalo-Sonaten bekannt, der 1738 in London erschien, was den europäischen
Anspruch der italienischen Musik bezeugt. Jean-Baptiste Lully (1632 -
1687), der in Florenz geboren wurde, machte in Frankreich Karriere und
wurde schließlich Hofkomponist Ludwigs XIV. und Begründer der
französischen Nationaloper.
Die bedeutendste Leistung Italiens auf dem Gebiet der Musik
ist unbestreitbar die Entwicklung der Oper, deren erster großer
Meister Claudio Monteverdi (1567 -
1643) den Grundsatz vertrat, das Wort sei die Herrin der Musik und nicht deren Dienerin - eine
Regel, die spätere Barockkomponisten der Darbietung der virtuosen
Gesangskünste der Primadonnen opferten. Innerhalb weniger Jahre trat die
italienische Oper ihren Siegeszug durch Europa an. Noch im 18. Jahrhundert
wurde in den Opernhäusern in London oder Wien Italienisch gesungen. Der
deutsche Komponist Georg Friedrich Händel (1685 -
1759) und noch später Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -
1791) verwendeten für die meisten ihrer Opern Textbücher in italienischer
Sprache.
Zum Unterschied von Italien erreichte im
protestantischen Norden die Kirchenmusik einen Höhepunkt. Die Matthäuspassion des Leipziger
Thomaskantors Johann Sebastian Bach (1685 -
1750) und Händels Oratorium Messias
gehören zu den großartigsten Werken religiöser
Musikausübung. Während Händel vor allem auf dem Gebiet der Oper
erfolgreich war, widmete Bach einen beträchtlichen Teil seines Schaffens
dem Klavier (eigentlich Clavichord) und erwies sich
als Meister des Kontrapunkts (Lehre von der musikalischen Satztechnik, die auf
melodische Gleichberechtigung aller Stimmen abzielt). Anders als sein
Zeitgenosse Händel, der ja auch in England tätig war, erwarb er
zu seinen Lebzeiten keinen über die deutsche Provinz hinaus gehenden Ruhm,
doch heute gilt Johann Sebastian Bach als eines der größten
Musikgenies aller Zeiten. Schon bald sollte die Musik Deutschlands und
Österreichs die gleiche Vormachtstellung erreichen, die bis dahin Italien
inne gehabt hatte.
Nachfolgend einige Beispiele
für die europaweiten Reisen führender Komponisten – und damit
eine Erklärung für die grenzüberschreitend-gemeinsamen
Entwicklungen in der europäischen Musik
[Text und Abbildungen aus: Das
europäische Geschichtsbuch, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1998]
Georg Friedrich Händel (1685 -
1759)

Der bedeutende Komponist kam 1685 in Halle/Saale zur
Welt. Im Jahr 1703 reiste er nach Hamburg, wo seine ersten italienischen Opern
aufgeführt wurden. Sie begeisterten Gian
Gastone de’ Medici so sehr, dass er Händel zu einer Italienreise
einlud. Sein Orgel- und Cembalospiel brachte ihm 1710 den Titel eines Kurfürstlichen
Kapellmeisters“ in Hannover ein. Bald darauf folgte er einer Einladung
nach London. Abgesehen von einigen kurzen Auslandsreisen verließ er
England nicht mehr und nahm 1726 die englische Staatsbürgerschaft
an.
Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -
1791)
Schon
mit sechs Jahren unternahm Mozart von Salzburg aus seine erste
Konzerttournee durch Deutschland, Österreich, Frankreich, England und
Holland. In London wurde er von Johann Christian Bach und in Paris von Johann Schobert unterrichtet. Danach kehrte er nach Salzburg
zurück und studierte bei Michael Haydn, dem Bruder Joseph
Haydns. Zwischen 1769 und 1773 hielt er sich dreimal in Italien auf und bezauberte
seine Zuhörer in Mailand, Rom und Bologna. 1779 trat er wieder seinen
Dienst beim Erzbischof von Salzburg als Hofkapellmeister an,
aber er fühlte sich dort so wenig wohl, dass er Salzburg den
Rücken kehrte und sich in Wien niederließ.
Frédéric Chopin (1810 -
1849)
Chopin feierte seinen ersten Erfolg noch als Student
des Warschauer Konservatorium. Nach Aufenthalten in Berlin und Wien (1829)
verließ er Polen endgültig und wohnte seit 1830 in Paris. 1847
trennte er sich nach 10 Jahren von der Schriftstellerin George Sand, nachdem
sie gemeinsam einen Winter auf Mallorca verbracht hatten. Von einer anstrengenden
Reise nach London und Glasgow 1848 kehrte er nach Paris zurück und
starb dort am 17. Oktober 1849.
Richard Wagner (1813 -
1883)

Richard Wagner kam am 22. Mai 1813 in Leipzig zur Welt
und studierte am dortigen Konservatorium. Als er das Werk Carl Maria von Webers
und Ludwig van Beethovens für sich entdeckte, beschloss er, selbst zu
komponieren. Von 1837 bis 1839 lebte er als Dirigent in Riga, das er wegen
großer Schulden Hals über Kopf verließ. Über London
kam er nach Paris, wo er auf seinen Erfolg hoffte, aber nur aus
Gleichgültigkeit stieß. Von Paris aus zog er nach Dresden, wo er
auch nicht den großen Durchbruch erreichen konnte. Er vertrat
sozialistische Vorstellungen mit solcher Energie, dass ihm eine
Gefängnisstrafe drohte. Deshalb floh er nach Weimar und Paris und
1849 nach Zürich. In Ludwig II. von Bayern fand er schließlich einen
großzügigen Förderer.
Ludwig van Beethoven (1770 -
1827) kam schon als junger Mensch erstmalig nach Wien und war von dem reichen
Musikleben dieser Stadt beeindruckt. Er studierte bei den berühmtesten
Musikern Wiens und machte sich bald als Klaviervirtuose einen Namen. Hier schuf
er seine wunderbaren Symphonien, seine Oper Fidelio
und seine Orchesterkonzerte. Seine 9. Symphonie enthält im Finale die
Vertonung von Schillers Ode An die Freude (heute die offizielle
Hymne der Europäischen Union).
Wie kaum eine andere
Kunstrichtung ist die Musik heute im Gefolge des Siegeszugs der Massenmedien
weltweiter Beeinflussung ausgesetzt. Aber auch jetzt liefert gerade die
europäische Musik infolge ihrer unübersehbaren Vielfalt auf kleinstem
Raum und der damit möglichen gegenseitigen Anregung lebendige und
originelle Impulse.
Eine ausführliche
Gesamtdarstellung des Bereichs „Europäische Musik“ findet sich
im eigentlichen „Examen Europaeum“.
Testfragen 8
1) Welcher
Baustil wird vom Kulturphilosophen Oswald Spengler als der „eigentlich
europäische“ bezeichnet - und mit welcher Begründung?
2) Welche
Baustile erkennen Sie auf der 5-Euro-Banknote?
3) Was hat
zwischen dem Mittelalter und heute zu einer gemeinsam-europäischen
Entwicklung der Musik geführt?