Literatur

 

Es wird in ganz Europa kaum einen Literaturschaffenden geben, der seine Beeinflussung durch die Literatur anderer Sprachen und anderer Zeiten in Abrede stellen würde; ja es wer­den bis heute Themen antiker Stoffe übernommen und in moderner Form abgewandelt

 

Was wäre beispielsweise der „Österreicher“ Grillparzer ohne den Griechen Alkaios oder seine spanischen Vorbilder Calderón und Lope de Vega, ohne Goethe und Schiller? Was wären aber Goethe und Schiller ohne Shakespeare, was Shakespeare ohne Dante, was Dante ohne Vergil, was Vergil ohne Homer?

 

 

Der Einfluss der griechischen Antike

 

Die Dichtung Griechenlands ist die erste und bedeutendste Wurzel der europäischen Literatur. Die Mythen der Griechen dienten als An­re­gun­gen bis in unsere Zeit. Immer wieder gab es besondere Epochen, in denen die Aufarbeitung und Wiederbelebung des antiken Erbes im Mittelpunkt stand, weil dieses als Vorbild angesehen wurde.

 

 

Drama


Das antike Drama ging aus den Dionysien, den Festen zu Ehren des Gottes Dionysos, hervor und entwickelte sich hauptsächlich in Athen. Hier soll Thespis um 534 vor Christi Geburt dem Chor einen Schauspieler gegenüber gestellt und damit durch Rede und Gegenrede die erste Tragödie geschaffen haben. Seit jener Zeit bestanden die griechischen Dramen aus zwei metrisch unterschiedlich aufgebauten Elementen: dem gesprochenen Dialog in Jamben und den strophischen Chorliedern.

 

Der eigentliche Begründer der Tragödie ist Aischylos (525 bis 465 v.), der einen zwei­ten Schauspieler ein­führte und auf der Bühne erst damit Konflikte in unserem Sinn er­mög­lich­te. Seine Dramen, die das Ein­treten der Götter für Recht und Gerechtigkeit und die Bestrafung der Frevler darstellen, sind durch seine religiöse Einstellung geprägt: Es ging ihm weniger um das Äußere der Handlung als um ihre theologische Deutung; überzeugt von der göttlichen Gerechtigkeit steht der Mensch er­schauernd vor der All­macht der Götter, die ihn strafend dem sicheren Untergang weihen, sobald er sich gegen ihr Gesetz auflehnt und es in seiner Hybris (Überheblichkeit) überschreitet.

 

 

 

 

 

Schauspieler mit Masken, griechisches Vasenbild (Ausschnitt)

[Georg Hensel, Spielplan, Schau­spiel­führer von der Antike bis zur Gegenwart, Teil 1; Propyläen Ver­lag, Berlin, 1966]


Seine einzige erhaltene Trilogie, die Orestie, die das Schicksal der fluchbeladenen Familie der Atriden mit Gatten- und Muttermord im Umfeld des Trojanischen Krieges behandelt, ist nicht nur Vorbild für Sophokles (497 – 406) und Euripides (um 480 – 406), von denen jeweils eine


Elek­tra (entspricht dem zweiten Teil der Orestie) erhalten ist, son­dern die Grund­lage für zahlreiche Be­ar­bei­tungen des Stoffes von der Re­nais­sance bis heute. Die wich­tigsten dramati­schen Fas­sungen sind wohl Voltaires (1694 - 1778) Oreste, Alexandre Dumas‘ (père) (1802 - 1870) Stück L’Orestie, Hugo von Hof­mannsthals (1874 - 1929) Libretto zur Oper Elektra von Richard Strauss und Jean-Paul Sartres (1905 - 1980) exis­ten­­tialistische Darstellung in mo­dernem Gewand in den Fliegen (1943). Hier zeigt sich die Zeit­losigkeit der be­han­del­ten Themen von Schuld, Eifersucht, Rache, Sühne und Gerechtigkeit, die immer wieder europäische Dramatiker inspirierten.

 

 

Aischylos: Agamemnon (Orestie). Entwurf für das Modell einer Aufführungsrekonstruktion im Diony­sostheater in Athen von H. Wirsing nach H. Bulle.

[Georg Hensel, Spielplan, Schau­spiel­führer von der Antike bis zur Gegenwart, Teil 1; Propyläen Ver­lag, Berlin, 1966]


 

 

Epos

 

Über Homer, den größten Epiker des Altertums, der um 800 v. Chr. gelebt haben soll, wissen wir sehr wenig. Viele Dichtungen wurden ihm zugeschrieben. Erhalten sind nur die Ilias, die die Belagerung Trojas schildert, und die Odyssee, die sich mit den Abenteuern des Odysseus auf der Heimfahrt von Troja nach Ithaka befasst.

 

Schon Euripides behandelte den Stoff des Untergangs der Stadt Troja in seinen Troerinnen, die im 20. Jahrhundert vom österreichischen Dichter Franz Werfel (1890 - 1945) bearbeitet wurden. Im Mittelalter war ein französischer Roman de Troie sehr beliebt und Grundlage für deutsche Troja-Romane. Damals wurde meist mit den unterlegenen Trojanern sympathisiert.

 

Odysseus erscheint bereits in Dantes (1256 - 1321) Inferno und büßt in der Hölle für seine Taten. Spanische Dichter des Barocks wie Lope de Vega (1562 - 1635) in seinem Epos La Circe und Calderon (1600 - 1681) haben sich mit dieser sehr unterschiedlich interpretierten Figur befasst. Auch der deutsche Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862 - 1946) ge­stal­tete diesen Stoff in seinem Heimkehrerdrama Der Bogen des Odysseus. Am beein­dru­ckendsten ist jedoch der Roman Ulysses von James Joyce (1882 - 1941), einem der Erneuerer der Prosaepik, der den Stoff auf  einen Tag aus dem Leben eines Durchschnittsmenschen in der irischen Hauptstadt Dublin komprimiert.

 

 

Lyrik

 

Die Blütezeit der griechischen Lyrik lag vor der klassischen Zeit im 7. und 6. vorchristlichen Jahrhundert. Die Lieder wurden auf der Lyra, später auch auf der Flöte begleitet. Aber auch Chorlieder, die Dithyramben genannt wurden, waren insbesondere bei den Doriern beliebt. Die von Dichtern wie Alkaios (um 600 v.) oder seiner Zeitgenossin Sappho entwickelten Strophenformen und die von den Griechen geschaffenen Gattungen wie Ode, Hymne, Elegie oder Epigramm wurden nicht nur von den römischen Dichtern nachgeahmt, sondern sind Vorbild für die europäische Lyrik bis heute.

 

 

 

Der Einfluss der römischen Antike

 

Die Literatur des alten Roms war in hohem Maße von griechischen Vorbildern geprägt. Dennoch ist besonders im Mittelalter und in der Renaissance der Einfluss der klassischen lateinischen Schriftsteller auf die europäische Literatur und Philosophie nachhaltiger als der griechischer Autoren - wobei aber römische Autoren oft auf griechische Vorbilder zurück­gegriffen haben.

 

 

Das Christentum

 

Das Christentum ist - neben der klassischen Antike - die andere bestimmende Wurzel der euro­päischen Kultur, wobei die Trennung dieser geistigen Welten nicht immer möglich ist; denn vor allem im Frühchristentum (also noch im römischen Weltreich) wurden die Ideen des großen griechischen Philosophen Platon (427 - 347 v.) von christlichen Autoren übernommen und in ihre Lehre integriert.

 

Der Apostel Paulus bediente sich der griechischen Sprache, wenn er an die Christengemeinde in Rom schrieb, denn die ersten römischen Christen waren aus dem Osten eingewandert. Die christliche Literatur in lateinischer Sprache beginnt erst ein Jahrhundert später. Erst im 4. Jahrhundert ging man in der Liturgie zur Volkssprache über.

 

 

Drago Jancar („Die Presse“, 24.12.1999):

 

Ich gehöre nicht gerade zu den Euroskeptikern, aber bei einem Begriff wie „europäische Literatur“, der sich wie selbstverständlich aus der europäischen Idee ableitet, ist Skepsis ein milder Ausdruck. Wer aber ironisch mit der Möglichkeit europäischer Literaturästhetik spielt, die

      den „Tiefsinn“ der deutschen,

      das „Artistische“ der französischen,

      den „Humor“ der englischen und

      die „Schwermut“ der russischen

Literatur einschlösse, hat recht. Ich würde allerdings meinen, dass in einem solchen Heiltrank noch manche Ingredienzien fehlen, etwa das „Schwejkische“ der tschechischen oder die „Sehnsucht“ der slowenischen Literatur.

 

 

 

 

Testfragen 7

 

1)   Mit welcher Berechtigung kann man davon sprechen, dass die europäische Literatur einem Baum vergleichbar ist, aus dessen Stamm sich die einzelnen („nationalen“) Ausprägungen wie Äste entwickelt haben und weiter entwickeln?

 

2)   Worin ist der Einfluss der Griechen Thespis sowie Aischylos auf die Entwicklung des Dramas wirksam?

 

3)   Welche bedeutenden Epen werden Homer zugeschrieben?

Antworten

 

 

 

(Das überaus komplexe Gebiet „Europäische Kultur“ wird ausführlich im gleichnamigen Bereich des „Examen Europaeum® behandelt; dort findet sich eine Gesamtdarstellung von der Antike bis heute; gleiches gilt für die nun folgenden Bereiche „Architektur“ sowie „Musik“.)

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