(Der Europäer, ein seltsames Wesen - gibt es ihn
überhaupt? Oder eine Antwort auf die Fragen: Wer sind wir? - Wer sind die
anderen? - Wie sehen wir die anderen, wie sehen die anderen uns?)
Der gemeinsame Blick nach vorn setzt das
Wissen um die gemeinsamen Wurzeln voraus.
Wolfgang Schüssel
Trotz aller geographisch-klimatisch bedingten (und durch
das Sprachenbabylon verschärften) Verschiedenartigkeit der Bewohner
Europas scheint es „den Europäer“ irgendwie doch zu geben; zu
diesem Schluss kamen jedenfalls Kulturphilosophen der letzten
zweieinhalbtausend Jahre - sie haben besondere menschliche Eigenheiten zu
erkennen geglaubt, Eigenheiten, die sie geradezu als das Wesen des Europäers
bezeichnen:
Aischylos
(525 - 456 v.)
Der griechische Tragiker lässt in seinem Drama
„Perser“ die Mutter des Königs Xerxes von einem
bösen Traum berichten: Ihr Sohn habe vor seinen Wagen zwei Mädchen
gespannt; das eine in asiatischer, das andere in griechischer Kleidung. Die
Perserin habe den Wagen willig ziehen wollen, die Griechin dagegen habe
wütend ihr Joch abgeworfen und den Wagen umgestürzt. Dieser Traum
wird als böses Omen für den Feldzug der Perser gegen die
freiheitsliebenden Griechen gedeutet.
Diese nicht nur von Aischylos hervorgehobene
Freiheitsliebe der Europäer ist die eigentliche Wurzel des bis heute
so markanten Individualismus, der sich besonders in der Wirtschaft
auswirkt; so schätzt die westliche Kultur die letztliche Überlegenheit
des Individualismus hoch ein, während etwa in der
japanischen Kultur die Gruppe (äußeres Zeichen: Großraumbüros)
Priorität hat.
Je nach Nation äußert sich dieser
Individualismus in verschiedenen Erscheinungsformen
Großbritannien:
Nonkonformismus
USA:
Selbständigkeit
romanische
Länder: Egozentrik
Deutschland: Autonomie
Hippokrates (460
- 370 v.)
Dieser griechische Arzt führt den besonderen
Charakter der Europäer auf die Besonderheit des europäischen Klimas
zurück: Die großen klimatischen Gegensätze in Verbindung mit
ständigen Klimaschwankungen regen den Geist an und bewahren ihn vor
Passivität - daher ist der Europäer seinem Wesen nach geistvoll,
mutig, freiheitsliebend und kriegerisch.
Aristoteles
(348 - 322 v.)
In seinem Werk „Politeia“ schreibt der
griechische Philosoph: Das kalte Klima Europas macht dessen Völker
mutig und unabhängig (aber nicht weise wie die Asiaten).
Montesquieu
(1689 - 1755)
Der
französische Schriftsteller und Staatstheoretiker identifiziert in seinem
Werk „De l’esprit des lois“ (Über den Geist der Gesetze,
1748) - wie schon vor ihm der italienische Staatstheoretiker Machiavelli -
Europa mit der Idee der Freiheit, während in Asien der Geist der Knechtschaft
herrsche. Dies leitet er aus den besonderen klimatischen Bedingungen Europas
ab:
Asien hat kein gemäßigtes
Klima - daher erobern dort starke Nationen in kaltem Klima leicht schwache Nationen
in heißem Klima.
Europa: in breiten Zonen
gemäßigter Klimate wohnen starke Nationen nebeneinander.
Das ist nach Montesquieus Verständnis einerseits der
Grund für „Asiens Schwäche und Versklavung“,
andererseits aber für „Europas Stärke und Freiheitswillen nach
außen“ (innerhalb Europas aber wird die Freiheit durch das
Gleichgewicht der Nationen gefördert und erhalten). Um zudem die Freiheit
der Bürger gegenüber ihren Regierungen zu Gewähr leisten,
fordert Montesquieu die Trennung der drei Staatsgewalten (Legislative -
Exekutive - Jurisdiktion).
In
seinen „Persischen Briefen“: („Lettres Persanes“, 1721)
definiert Montesquieu Europa auch kulturell und glaubt dabei gewisse
Unterschiede etwa zu den Persern zu erkennen; ein von ihm erdichteter Perser, der
nach Paris kommt, berichtet darüber nach Hause:
„niemand geht, alle laufen“; er spricht auch
von : „des moeurs et de coutumes européennes“,
„cette ardeur pour le travail“, „cette passion de
s’enrichir»,
„on n’y voit que travail et qu’industrie“, also :
Europa: Dynamik, Arbeitsethos,
Kapitalismus
Asien: Trägheit, Sanftmut,
Unbeweglichkeit
(Auch heute sehen Schwarzafrikaner in den Europäern
„Menschen, die hin und her laufen“, und in den Augen
nordamerikanischer Indianer sind Europäer die, „die immer alles
entdecken, erobern, erforschen müssen“.)
Übrigens ist für Montesquieu auch Russland
„une nation d’Europe“.
Richard Graf
Coudenhove-Kalergi (1894 - 1972)
Der Gründer der „Paneuropa-Union“
erklärt, die europäische Seele sei dreidimensional:
· christlich die Tiefe
· hellenisch die Weite
· germanisch die Höhe
Alle diese Dimensionen begegnen einander in einem Punkte
der europäischen Seele: der Freiheit (alle drei Dimensionen sind letztlich
individualistisch).
Das europäische Ideal ist Freiheit - die
europäische Geschichte ein einziges langsames Ringen um persönliche,
geistige, nationale und soziale Freiheit. Europa wird bestehen, solange es
diesen Kampf fortsetzt; sobald es dieses Ideal preisgibt und seiner
Mission untreu wird, verliert es seine Seele, seinen Sinn, sein Dasein.
Dann hat es seine historische Rolle ausgespielt.
Zwischen dem kapitalistischen Kollektivismus Amerikas und
dem kommunistischen Kollektivismus Russlands bleibt Europa das
heilige Land des Individualismus, der Persönlichkeit, der Freiheit.
Carlo Schmid
(1896 - 1979)
Der deutsche Jurist und Politiker führt alle
europäischen Werte auf die schöpferische Weigerung Europas
zurück, das Schicksal als unabänderlich hinzunehmen.
Karl Jaspers
(1883 - 1969)
In
seinem Werk „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ stellt der
deutsche Philosoph im Teil 1, Kapitel 6 („Das Spezifische des
Abendlandes“) vor allem einmal fest, dass sich das Abendland auf
Christentum und Antike gründe. Punktweise hebt er dann das Spezifische
hervor:
· Geographisch: Europas außerordentliche
landschaftliche Mannigfaltigkeit (im Unterschied zu den geschlossenen
Festlandsgebieten Chinas und Indiens), seine reiche Gliederung in
Verbindung mit den klimatischen Verschiedenheiten und auch seine langen
Küsten rufen eine Mannigfaltigkeit der Völker und Sprachen hervor
(und gerade die enge Wechselbeziehung zwischen den Kulturen, ihr Austausch,
schafft ständig Neues und ist der eigentliche Reichtum Europas).
· Idee der politischen Freiheit: Eine Freiheit, die sonst
nirgends in der Welt entstanden war, stammt aus der griechischen Polis, wo sich
zum ersten Mal in der Geschichte eine Schwurbrüderschaft freier
Menschen gegen eine - andernfalls universale - Despotie einer völkerbeglückenden
Totalorganisation durchgesetzt hat. Die Polis markiert daher den eigentlichen
Gegensatz zu China und Indien.
· Rationalität: Der Europäer ist offen
für den Zwang des konsequenten logischen Gedankens und der empirischen
Tatsächlichkeit. Auch strebt er danach, den Verkehr der Gesellschaft dadurch
berechenbar zu machen, dass im Rechtsstaat rechtliche Entscheidungen durch
klare Gesetze voraussehbar sind.
· Die Welt in ihrer Rationalität
ist das Unumgängliche: Der
Abendländer schaut das Wahre nicht nur als einen Ideenwert an, sondern
will es verwirklichen. Die Welt ist dabei aber nicht zu überspringen: In
ihr, nicht außer ihr verwirklicht sich der abendländische Mensch.
Damit aber wird auch das Scheitern, das Tragische Wirklichkeit. Nur das
Abendland kennt die Tragödie.
· Das Allgemeine gerinnt nicht zur
dogmatischen Fertigkeit von endgültigen Institutionen und
Vorstellungen: Das
Abendland gibt der Ausnahme Raum, wodurch aber seine Orientierung
vieldimensional wird - dies aber führt natürlich zu einer
ständigen Unruhe, einem ständigen Ungenügen, einer
ständigen Unzufriedenheit.
· Ausschließlichkeit des
Glaubensanspruchs:
Religion und Staat stehen in ständiger Spannung miteinander, beide
erheben einen totalen Anspruch; diese Spannung bringt dem Abendländer
eine hohe geistige Energie, verstärkt seinen Freiheitsanspruch und
veranlasst ihn zu unermüdlichem Suchen, Entdecken. Die Weite der
dadurch gewonnenen Erfahrung steht im Gegensatz zur Einheitlichkeit und
Spannungslosigkeit aller orientalischen Imperien.
· Entschiedenheit: Da die Welt in den Augen des
Abendländers durch kein Allgemeines geschlossen, sondern stets durch
Ausnahmen durchbrochen wird, eignet ihm eine Entschiedenheit,
die die Dinge auf die Spitze treibt und sie zur vollsten Klarheit bringt; diese
ständige Spannung wird insbesondere in den folgenden Gegensatzpaaren
erlebbar:
Christentum - Kultur
Kirche - Staat
Reich - Nationen
romanische - germanische
Nationen
Katholizismus -
Protestantismus
Theologie - Philosophie
· Eigenständige
Persönlichkeiten: Diese
Welt der Spannungen, diese Welt der sublimsten geistigen Kämpfe ist
Bedingung und Ursache dafür, dass es nur im Abendland eine solche
Fülle eigenständiger Persönlichkeiten gibt.
· „Und schließlich und
vor allem ist ein Moment des Abendlandes die persönliche Liebe und Kraft
grenzenloser Selbstdurchleuchtung in einer nie vollendeten Bewegung. Hier ist
ein Maß von Aufgeschlossenheit, von unendlicher Reflexion, von
Innerlichkeit erwachsen, für die erst der volle Sinn von Kommunikation
zwischen Menschen und der Horizont eigentlicher Vernunft aufleuchtete.
Dem Abendland ist seine
eigene Wirklichkeit zum Bewusstsein gekommen. Das Abendland hat nicht
einen beherrschenden Menschentyp hervorgebracht, sondern viele und entgegengesetzte.
Kein Mensch ist alles, jeder steht darin, ist notwendig nicht nur verbunden,
sondern getrennt. Und niemand kann daher das Ganze wollen.“
Paul Ambroise Valéry (1871 - 1945)
Der französische Dichter beschwört die
„jungen Europäer“ jeglichen Rassismus zu verwerfen und dem
europäischen Geist zu folgen, den er als „die erstaunliche
Fähigkeit zum Aushalten von Widersprüchen“ definierte:
„Ich glaube, dass die Zusammendrängung von Menschen verschiedener
Rassen diese Individuen gezwungen hat sich gegenseitig zu beeinflussen, sich zu
verstehen. In Sachen Antrieb zur Intelligenz ist Unreinheit fruchtbarer als
Reinheit, verdankt sich Reichtum der Vermischung des Ungleichen. Der
europäische Intellekt hat mithin eine Verbindung zu schaffen vermocht
zwischen Traum und strenger Methodik, zwischen freier Fantasie und genauer Beobachtung
des Wirklichen.“
Ortega y Gasset (1883 - 1955)
Der spanische Kulturphilosoph schreibt in seinem
„Aufstand der Massen“ 1929: „Spanier, Deutsche,
Engländer, Franzosen sind und bleiben so verschieden, wie man nur will;
aber sie haben dieselbe psychische Struktur und sind vor allem auf die gleichen
Inhalte bezogen. Religion, Wissenschaft, Recht, Kunst, gesellschaftliche
und erotische Werte sind gemeinsame Angelegenheiten ... In uns allen
überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen
...
Andreas Unterberger
Der Chefredakteur der „Presse“ stellt 1999
fest: Das Wesen Europas wird immer die Pluralität seiner Kulturen, Ideen,
Regionen und Staaten sein. Und doch beruht diese Vielfalt auf einer gemeinsamen
Grundidee: der Idee der Freiheit; einer Idee, die sowohl aus dem Christentum
als auch aus der griechischen Philosophie der Stoa kommt; der Idee der
Freiheit, die heute nicht zuletzt in der einstigen Tochter Europas, der USA, zu
unglaublicher Kraft erblüht ist.
Erhard Busek
Der bedeutende österreichische Europapolitiker
sieht das gemeinsame Erbe der europäischen Völker im antiken
Christentum und im Humanismus. Aus diesem Erbe stamme das Welt- und
Selbstverständnis des Menschen, das universell geworden ist und heute
den Gedanken von der einen Menschheit konstituiert:
· der Schritt vom Mythos zum Logos,
der im griechischen Denken einen Raum der geistigen Helligkeit
eröffnet hat;
· die Differenz von einzelnem und
Allgemeinem, von Grund und Ziel, von Individuum und Gemeinschaft, von Objekt
und Subjekt;
· die offene Fragwürdigkeit
alles Seienden und damit der sich nie erschöpfende Impuls des
Wissenwollens, der alles Überlieferte immer wieder in Frage stellt;
· das Begreifen von Geschichte nicht
als zyklische Wiederkehr des Ewiggleichen, sondern als einmaliges Ereignis
zwischen Anfang und Ende;
· das Begreifen des Augenblicks als
unwiederholbare Entscheidung im Ablauf der auf ein Eschaton, auf die Ewigkeit
und Jenseitigkeit gerichteten Zeit;
· die handelnde Zuwendung des
Menschen zur Welt, sein rastloser Schöpfungsauftrag;
· die Entdämonisierung der Welt
von schicksalhaften Numinosa durch den Glauben an einen transzendenten
persönlichen Gott und seine geschichtliche Inkarnation;
· die Trennung von politischer und
religiöser Macht als Voraussetzung der Entwicklung des autonomen Willens,
der sich nur an Vernunft und Gewissen bindet;
· die Einsicht in die Würde des
Menschen und seine unveräußerlichen und angeborenen Rechte;
· die prinzipielle Unbegrenztheit des
Denkens und Handelns, die zum wissenschaftlichen Weltbild und zur
Weltbeherrschung durch Technik geführt haben, ebenso auch zur
Berührung und Durchdringung aller europäischen Kulturen und deren
Überführung in die konkrete Weltgeschichte, womit Europa seine
permanente kulturelle Krise zur universalen kulturellen Krise erweitert hat.
Alle diese geistigen Errungenschaften verhindern, dass
Europa ein zur Grottenbahn gewandeltes Museum wird oder zu einer
bloß technischen Institution verkommt.
Franz Kardinal
König
Der
langjährige Wiener Erzbischof und Kardinal verweist auf die besondere
Prägung Europas zunächst durch die wandernden (und damit
auch kulturvermittelnden) Mönche und Missionare aus dem Gebiet
Irlands, Schottlands und der Angelsachsen hin im Westen Europas und
durch die Slawenapostel Cyrill und Method im Osten.
Klöster und Kathedralschulen wurden zu festen
kulturellen Stützpunkten; eine besondere Rolle spielte hierbei
der von Benedikt von Nursia gegründete Benediktinerorden[1],
dessen Grundsatz “ora et labora“ wesentlich die
christliche Ethik Europas mitbestimmt hat. Eine nachhaltige
Prägung ging auch von den christlichen Festen mit ihrer römischen
Liturgie und überhaupt von der christlichen Zeitrechnung aus.
Kardinal König verweist dabei aber auch darauf, dass
das, was wir heute europäische Kultur nennen, auch aus griechischen,
römischen, germanischen, slawischen, jüdischen und islamischen
Wurzeln entstanden sei.
Die
islamische Wissenschaft war vor einem Jahrtausend derjenigen der Europäer
weit überlegen. Das Mitte des 8. Jh. errichtete Kalifat in Cordoba
war über Jahrhunderte ein herausragendes geistiges
Zentrum, dem Europa in fast allen Wissenschaften einschließlich
Mathematik, Philosophie und Theologie wichtige Kenntnisse und Einsichten
verdankt; zudem haben arabische Gelehrte von Cordoba aus dem
mittelalterlichen Europa die Schriften und das Wissen der klassischen
griechischen Autoren vermittelt - und ihre medizinischen Handbüchern
dienten den Ärzten Europas während des gesamten Mittelalters
als Lehrbuch.
Testfragen 5
1) In welchen
Gegenden entstanden die „typisch europäischen“ Werte und
Einstellungen: Freiheit und Individualismus, Rechtsstaatlichkeit,
Humanismus und Solidarität?
2) Worauf führen
maßgebende Gelehrte die Vielfalt der europäischen Völker und
ihrer Kulturen zurück?
3) Was hat die
europäische Kultur den arabischen Gelehrten zu verdanken?