Sprache(n) Europas

(viele Sprachen - und doch eine Einheit?)

 

Europa bietet sich ... vom Atlantik bis zum Ural als ein bunter Sprachenteppich dar ... In den Vereinigten Staaten, in Russland, in Brasilien oder China ist es möglich, Tausende von Kilometern innerhalb eines einzigen Sprachengebiets zurückzulegen. In vielen Teilen Eu­ropas genügt schon eine zweistündige Autofahrt, um zwei oder gar drei Sprachgrenzen zu passieren. Um diesen Wechsel zu bemerken, bedarf es noch nicht einmal des direkten Kontaktes mit den Einheimischen; bereits die Straßenschilder und auch die Ortsnamen ge­ben  hierüber Aufschluss.

Miquel Siguan: Die Sprachen im vereinten Europa

 

Die Gemeinsamkeiten der heutigen Sprachen zwischen Indien und Nordeuropa führen zur Ver­mu­tung, dass die Urväter der heutigen Europäer aus Asien kommend in Richtung Norden gewan­dert sind und sich auf dieser Wanderung verzweigt haben. Durch laufende Ver­mi­schung mit der dort bereits ansässigen Bevölkerung sowie durch Umwelteinflüsse veränderten sie sich und bilde­ten Stämme. Gemeinsamer Ursprung, jedoch unterschiedliche Be­din­gun­gen der weiteren Ent­­wicklung sind also der Grund für die Parallelitäten in fast allen Spra­chen zwischen Skandina­vien und Indien und zugleich für die mit der Zeit und unter ver­schie­denen Einflüssen ent­stan­de­nen Unterschiede.

 

Heute werden auf dem europäischen Kontinent 26 romanische, 18 germanische, 16 slawische, zwei hellenische, vier keltische, zwei baltische, zwei indoiranische, 14 finnisch-ugrische Spra­chen gesprochen; dazu kommen 10 Turksprachen, neun kaukasische, die albanische, die malte­si­sche, die armenische, die samojedische (nenzische), die kalmückische, die syrische, die baskische und die grönländische Sprache. Diese insgesamt 111 Sprachen (43 Haupt- der Rest Split­ter­spra­chen) verteilen sich in Europa zurzeit auf 46 Staaten.

 

Drei unterschiedliche Schriftsysteme werden verwendet: lateinisch, griechisch und kyril­lisch.

 

Diese Vielfalt von den großen slawischen, romanischen und germanischen Sprachfamilien bis hinunter in die regionalen Dialektabweichungen ist die wichtigste Ursache für die bleibende Viel­falt der Regionen, Völker und Staaten - aber auch für die Hindernisse, die einem ein­heit­lichen Europa entgegenstehen.

 

Vom Mittelalter bis ins 18./19. Jahrhundert war die Sprache der Gebildeten Latein. So konn­ten bei­­spielsweise Professoren wie Studenten problemlos von einer europäischen Universität zur näch­s­ten wechseln - überall wurde in lateinischer Sprache gelehrt; das aber wirkt sich bis heute als prägender Faktor der europäischen Identität aus. Zudem hat Latein sowohl von sei­ner Struktur als auch seinem Vokabular nicht nur die romanischen, sondern auch die ger­ma­nischen und slawi­schen Sprachen beeinflusst, kann also durchaus als „die europäische“ Spra­che bezeichnet werden. Denn ähnliche Sprachstrukturen und ähnliche Vokabularien bewirken auch eine Ähnlichkeit des Denkens.

 

So ist die Sprache ein überaus wichtiges - wenn nicht überhaupt das wirksamste - Bindemittel zwi­schen Völkern und Kulturen. Und hier ergibt sich gerade in Europa ein Paradoxon: Obwohl von den 720 Millionen Menschen zwischen Atlantik und Ural nur ungefähr 56 Millionen Englisch als Muttersprache sprechen - das sind etwa 7,8 Prozent -, entwickelt sich das Englische un­aufhaltsam zur gemeinsamen Sprache des Kontinents, zur „lingua franca” - vor allem in seiner amerika­ni­schen Ausprägung, der Sprache der transatlantischen Hege­mo­nialmacht; seit 1945 wurde mit der Allge­gen­wart der angloamerikanischen Befreier auch ihre Sprache allgegenwärtig. Sie erschien seither als Trägerin der Werte einer Zivilisation, in Ost­europa zudem als Sprache der Freiheit und der zuverlässigen Information. Das Amerikanische trat nicht nur an die Stelle des Deutschen, das na­ment­lich in Mittel- und Osteuropa die Ver­kehrssprache gewesen war, sondern bedrängt längst auch den früher übernationalen Rang des Französischen.

 

Neben die Sprache von Politik und Diplomatie trat Englisch als Sprache der Wissenschaft. Kein europäischer Gelehrter kann heute auf internationale Aufmerksamkeit für seine For­schungs­er­geb­nisse hoffen, der nicht in englischer Sprache publiziert.

 

Dass sprachliche Hegemonie auf politisch-militärische und wirtschaftliche Vormacht folgt, ist nichts Neues. Neu ist aber die kulturelle Durchdringungstiefe des Englischen ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während die früheren Hegemonialsprachen Europas (das Lateinische, Spani­sche, Französische, Englische) fast ausschließlich die Kultur der Eliten erfasst hatten, dringt das Amerikanisch-Englische tief in die europäische Alltagskultur ein.

 

Die Vielfalt der europäischen Sprachen mag auf der einen Seite zwar als ganz besonderer kul­tu­reller Wert angesehen werden, führt aber im europäischen Einigungsprozess doch auch zu bald un­über­wind­li­chen Problemen. Schon jetzt muss das Europäische Parlament 30 Prozent seines Etats für Über­setzun­gen ausgeben, da die gegenwärtig 11 offiziellen Sprachen 110 verschiedene Über­setzungs­kombinationen ergeben. Mit der im Gefolge der Erweiterung möglichen Zulassung von 9 weiteren Sprachen würde sich die­se Zahl auf 380 erhöhen; die Kosten hierfür wären nicht mehr aufzubringen.

 

Um die jährlichen Übersetzungs- und Dolmetschkosten von derzeit 700 Millionen Euro nicht ausufern zu lassen, hatten sich die Mitgliedstaaten von Beginn an auf drei interne Ar­beits­spra­chen festgelegt: Englisch, Französisch und Deutsch. Dabei sprechen für das Deutsche, Englische und Französische jeweils triftige Gründe:

 

        -   Deutsch wird von 90 Millionen EU-Bürgern gesprochen und hat damit den höchsten Anteil; zudem trägt Deutschland fast 60 Prozent des Gesamtbudgets der EU bei.

        -   Englisch ist die Muttersprache zwar nur von 63 Millionen EU-Bürgern, wird aber als Zweitsprache von den meisten anderen EU-Bürgern verwendet.

        -   Französisch wird als Muttersprache ebenfalls von 63 Millionen EU-Bürgern gesprochen; dazu aber befinden sich die drei Hauptsitze der EU (Brüssel, Luxemburg und Straßburg) in Gebieten, in denen überwiegend französisch gesprochen wird.

 

Jeder Kommissionsbeamte muss in der Lage sein, zumindest zwei dieser Sprachen perfekt zu beherrschen. Ganz anders im Europäischen Parlament: Jeder Parlamentarier verwendet in der Regel seine Muttersprache, wodurch in alle anderen simultan übersetzt werden muss. Würden sich nun alle EU-Institutionen auf die drei Hauptsprachen beschränken, blieben lediglich sechs Übersetzungskombinationen übrig. Wie aber wäre das mit dem Grundsatz vereinbar, dass jeder Europäer das Recht hat, Richtlinien und Verordnungen in seiner Landessprache zu lesen?

 

http://www.sprachpolitik.de/sprachpolitikeu.html

 

 

Testfragen 2

 

1)  Nach welchen Gesichtspunkten wurde Europa im Verlauf der Jahrhunderte gegenüber der übrigen Welt (vor allem gegenüber Asien) abgegrenzt? Waren diese nur geographischer Art?

 

2)  Welche Überlegungen lassen eine Aufnahme der Türkei und vor allem Russlands in die Europäische Union für die nächste Zukunft als unrealistisch erscheinen?

 

3)  Welche landschaftlichen Gegebenheiten förderten in Europa die Entstehung demokratischer Staatsformen?

Antworten

 

 

 

Als Erklärung für die Verschiedenartigkeit der Sprachen finden wir in der Bibel zwei Erklärungen:

 

 

·         Die Erzählung vom Turmbau zu Babel ist der älteste und bekannteste Versuch zur Erklärung der Sprachenvielfalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung: Pieter Breughel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel

 

Die Menschen hätten damals noch alle dieselbe Sprache und dieselben Wörter ge­kannt. Sie sagten zueinander: „Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, so dass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.“

Da kam der HERR vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Als er alles gesehen hatte, sagte er: „Wohin wird das noch führen? Sie sind ein ein­ziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.“

Und dann sagte er: „Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!“

Genesis 11, 1-7

 

Das Wort Babel, das auf Aramäisch bab-ili (= Tor Gottes) zurückgeht, findet sich dann im Hebräischen bilbel (= Verwirrung) und gelangte von dort auch in die heutigen europäischen Sprachen: dt. babbeln, engl. to babble, ital. babele, franz. babiller.

 

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