Geographie Europas

(oder: Geographie ist die Mutter der Geschichte)

 

Leicht zu denken, dass die Nonchalance der asiatischen Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusam­menhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit ... Wir Europäer haben so wenig Zeit, wie unser ed­ler und zierlich gegliederter Erd­teil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirt­schaftung des einen wie des anderen ange­wiesen, auf Nützung.

Thomas Mann

 

 

Ist die vorhin angeführte Abgrenzung Europas stichhaltig? Worauf beruht sie eigentlich? Lässt sich Europa geographisch überhaupt abgrenzen??

 

Dazu zwei Gedanken:

 

Der österreichische Maler Oskar Kokoschka (1886-1980) sagt: „Europa ist kein geo­graphischer, sondern ein kultureller Begriff.“

 

Konrad Paul Liessmann (geb. 1953), Universitätsprofessor in Wien: „Ein brauch­ba­rer geographischer Begriff war Europa nie. Europa war immer eine kulturpolitische Kategorie gewesen; daraus ergibt sich die Problematik, dass jeder sein Europa so definieren kann, wie er es gerne möchte.“

 

Ist Europa also nicht notwendigerweise im geographischen Sinn, sondern eher als eine Wertegemeinschaft zu verstehen - als eine Gemeinschaft, die durch ein Bekenntnis zu gleichen Grund­wer­ten bestimmt wird? Grundwerte, deren Wurzeln in der Antike und im Christentum zu suchen sind und die dann ihre entscheidende Ausprägung durch die Philosophie der Aufklärung (17. und 18. Jh.) erfahren haben? Doch darüber später.

 

Vor allem die Frage der östlichen Abgrenzung wird zu einem Problem. Denn dazu gibt es auch andere Überlegungen als die oben angeführte geographische Linie:

 

        Einer der größten Verfechter der Europa-Idee, der Österreicher Richard Coudenhove-Ka­lergi meint, dass Europa seinen unverdienten Rang als Kontinent einem Irrtum grie­chischer Geographen zu verdanken habe; diese hätten - bis zum Zeitalter Alexan­ders des Großen - die Kaspische See für eine Bucht des nördlichen Ozeans gehalten und wären daher der Mei­nung gewesen, der Kaukasus sei die einzige Landbrücke zwischen Asien und Europa. So kommt er zur Auffassung, dass Asien, Amerika, Afrika und Aus­tralien ihr Dasein der Na­tur zu verdanken hätten; Europa hingegen sei eine Schöpfung des Menschen - der Euro­pä­er ha­be Europa aus einer Halbinsel in einen Erdteil ver­wandelt. Einer von Coudenhoves Aus­sprü­chen weist in ähnliche Richtung: „Europa ist keine Tatsache - sondern ein  For­de­rung.“

 

        Das Fürstentum Moskau galt am Beginn der Neuzeit vielfach als ein Teil Asiens. Als sich Moskau aber immer stärker nach Europa auszurichten begann und Zar Peter der Große den Zugang zur Ostsee erzwang (Gründung von St. Petersburg 1703), erklärte der russische Geograph und Historiker Wassilij Taschitschew im 18. Jh. ganz bewusst das Uralgebirge zur östlichen Grenze Europas - von da ab lag Moskau also erst „offiziell“ in Europa.

 

Gerade die Europäer sollten sich bewusst werden, dass die Frage der (vor allem östlichen) Ab­grenzung oft durch das Gefühl einer Überlegenheit gegenüber einer zugeschriebenen Un­ter­le­gen­heit bestimmt ist. Das ist an folgenden Beispielen eines „Schwankens“ der Ostgrenze Europas er­sichtlich:

 

        für Metternich endete Europa gleich hinter Wien

        für Hitler lag die Grenze zwischen dem Siedlungsgebiet der germanischen und slawi­schen Völker

        für die Westeuropäer zur Zeit des Kalten Krieges war die Grenze der Eiserne Vorhang

        für den kroatischen Staatspräsidenten Tudjman die zwischen den Kroaten und Serben

        und manche wollen Europa heute bis an den Stillen Ozean ausdehnen ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kann Russland mit dieser gewaltigen Ausdehnung(17Mill. km2 - ganz Europa hat nur 10 Mill. km2) jemals Teil der EU werden?

 

 

Besondere Aktualität bekommt die Frage der Ostgrenze Europas in Zusammenhang mit der Erweiterung der Europäischen Union. Während sich Skeptiker und Befürworter dieser Er­wei­te­rung grundsätzlich darüber einig sind, dass auch die osteuropäischen Staaten ein inte­grie­ren­der Bestandteil Europas sind (haben sie doch seit einem Jahrtausend der europäischen Kul­tur­gemeinschaft angehört, sodass Europa ohne deren Einbeziehung nie vollständig sein kann), scheiden sich die Geister vor allem bezüglich der Türkei und vor allem Russlands. Nicht nur, dass diese beiden Staaten nur zum Teil in Europa liegen, ist deren Kultur- und Wertesystem doch anders geprägt als das der „eigentlichen“ europäischen Staaten. Zudem würde die EU durch eine Einbeziehung der Tür­kei und Russlands politisch labile und damit gefährliche Re­gionen zu unmittelbaren Nachbarn bekommen (beispielsweise den Irak) - abgesehen davon, dass die Türkei und Russ­land infolge ihrer jetzt schon so hohen Bevölkerungszahl die be­stehenden Kräfteverhältnisse in­ner­halb der Union nachhaltig zu ihren Gunsten verschieben würde; und: kann sich Europa angesichts der gegenwärtigen interreligiösen Spannungen einen moslemischen Türken als Kommissionspräsidenten vorstellen??

Trotzdem unternimmt die Türkei (mit Unterstützung der USA, die in der Türkei einen wichtigen Bündnispartner sehen) derzeit äußerste Anstrengungen, um die EU wenigstens zum Beginn von Beitritts­ver­handlungen zu veranlassen. So verbesserte das türkische Parlament 2002 nicht nur die Lage ihrer kurdischen Minderheit; als sensationell gilt die gleichzeitige ge­setzliche Abschaffung der Todesstrafe. An diesem Beispiel ist zu erkennen, welchen positiven Einfluss schon die bloße Aussicht auf die heißbegehrte Mitgliedschaft haben kann; trotzdem hat die EU der Türkei noch keinen Zeitpunkt für den Beginn von Beitrittsverhandlungen genannt.

 

 

Landschaft und Klima - also die natürlichen Umweltbedingungen - haben einen überaus prä­genden Einfluss auf die unter diesen Bedingungen lebenden Menschen. So hat auch die auf so kleinem Raum einzigartige Vielfalt der Landschafts- und Klimazonen Europas ganz wesent­lich zur Vielfalt der europäischen Völker und ihrer Kulturen beigetragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klimazonen in Europa

 

 

Von allen Kontinenten weist Europa die größte Gliederung auf.

 

Wenn man jeweils eine Strecke von annähernd dreitausend Kilometern über die Steppen Afrikas, die großen Prärien Nordamerikas, über die asiatische Taiga oder durch die Wälder Russlands reist, ändert sich das Bild der durchreisten Landschaft kaum. Das Gleiche gilt für die Regenwäl­der Amazoniens oder Afrikas oder die Gebirge Asiens oder der Anden. Im größ­ten Teil Europas hingegen kann man, abgesehen von den Tiefebenen Polens und Osteuropas, kaum 70 Kilometer reisen, ohne dass die Landschaft beständig ihr Aussehen wechselt, ohne dass ständig Gebirgszüge die Ebenen abgrenzen. Der ganze Kontinent ist wie ein Mosaik - oder ein einzigartiges Museum der Geographie und Geologie mit den verschie­densten Geländeformen auf kleinem Raum.

 

Riesenvölker mit straff durchorganisierter monarchischer Verwaltung konnten in diesen - auch verkehrsmäßig nicht leicht zu erschließenden - Landschaften kaum entstehen. Schon darin ist ein Hauptgrund für die Vielzahl und Vielfältigkeit der europäischen Völker zu sehen. Als zusätz­li­cher Beleg für dieses Phänomen dient die Vielfalt und Selbständigkeit der Völker, die in den abgeschlossenen Landschaften Griechenlands entstehen konnten - und die Tatsache, dass die Al­penregion auch als Geburtsort des europäischen Föderalismus betrachtet werden kann, vor allem hinsichtlich Österreichs, Bayerns und der Schweiz.

 

In seinem „Zauberberg“ stellt der deutsche Schriftsteller Thomas Mann (1875 - 1955) einen Zusammenhang zwischen dem Lebens­raum und dem Wesen der darin lebenden Völker her; er lässt den Italiener Settembrini seinen deutsche Gesprächspartner Hans Castorp mit folgenden Sätzen vor der Russin Clawdia Chauchat warnen:

 

Setzen Sie Ihr Wesen, Ihr höheres Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens - dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil ... Leicht zu denken, dass die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit ... Wir Europäer haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung der einen wie der anderen angewiesen, auf Nutzung!

 

Nehmen Sie unsere großen Städte als Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße wird dort auch die Zeit immer kostbarer. Carpe diem! Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, dass er sie nütze – sie nütze im Dienste des Menschheits­fortschrittes.

 

 

Die ethnische Kleinräumigkeit und Vielfalt Europas wird verstärkt durch die vielen Minder­heiten, die in fast allen europäischen Staaten angetroffen werden: Im Durchschnitt entfallen auf jeden europäischen Staat fünf bis sieben Minderheiten, oft auf mehrere Staaten verteilt; besonders bunt und kompliziert ist diese Strukturierung im östlichen Mitteleuropa, auf der Balkanhalbinsel und in der Kaukasusregion. Insgesamt zählt man in Europa heute 141 verschiedene ethnische Minderheiten.

 

Diese einzigartige Geographie Europas blieb - in Verbindung mit seinem gemäßigten, sied­lungs­freundlichen Klima (das aber sehr unterschiedliche Zonen aufweist) - nicht ohne Ein­fluss auf den Typus des Europäers, gerade auch mit seinen ortsgebundenen Unter­schied­lichkeiten:

 

·   Eine lange, ungewöhnlich stark gegliederte Küste mit vielen natürlichen Häfen hat die Europäer zu ausgezeichneten Seefahrern, Entdeckern und Welthändlern gemacht. Dazu gehören vor allem die früheren Wikinger, die Italiener, Portugiesen, Spanier, Briten, Holländer und viele andere.

 

·   Das gemäßigte Klima, im Westen vom Golfstrom erwärmt, war dem europäischen Ackerbau förderlich. Zudem hinterließen große Gletscher ungeheure Moränen, von denen die Winde feinen Staub verteilten. Vermischt mit Ton bedeckte dieser viele Fels­plateaus mit reichem braunen, fruchtbaren Lehm, ideal für den Anbau von Getreide.

 

·   Die landschaftsbedingte Vielfalt verschiedenartiger Regionen und Ressourcen scheint den europäischen Erfindergeist angespornt zu haben. Durch Jahrhunderte zeigten die Behausungen, Ackerbaugeräte und Haushaltsgegenstände in ihrer unermesslichen Vielfalt die überaus vielseitige Begabung der Europäer - und gerade das hat sehr zu Europas Reichtum beigetragen.

 

Beispielsweise begünstigte die regionale Abgeschlossenheit der euro­pä­ischen Landschaften eine regionale Ausformung des wichtigsten Acker­bau­gerätes, des Pfluges; andererseits aber war diese Abgeschlossenheit nicht so stark, dass „gute“ Entwicklungen nicht über die Grenzen hinweg auch in andere Regionen bekannt werden und von ihnen übernommen werden konnten.

So kann es für jede kulturelle Entwicklung als Vorteil gelten, wenn mehrere Kulturen sowohl die Möglichkeit eigenständiger Entwicklung als auch ge­genseitiger Beeinflussung haben - ganz anders als in einem großflächigen Einheitsstaat.

 

Auch für Coudenhove-Kalergi hat Geographie und Klima einen prägenden Einfluss: „Wie die Gliederung Europas den Individualismus der Europäer gezeugt hat, so hat die Nordlage Europas den Heroismus der Europäer gezeugt. Europa ist der nördlichste Erdteil: der einzige, der die tro­pische Zone nicht berührt. Darum bedeutet in Europa leben = kämpfen; nur der heroische Mensch kann in diesen Zonen bestehen, nicht der beschauliche.“

 

Tatsache ist jedenfalls, dass die (in Europa verhältnismäßig lange) Winterzeit - anders als in den Tropen, wo mitunter ein Leben „von der Hand in den Mund“ möglich ist - zum Anlegen von Speichern und auch sonst zu vorausschauendem Planen gezwungen und damit zur besonderen Prägung der Charaktere geführt hat.

 

Auch hinsichtlich der Körpermerkmale - möglicherweise ebenfalls eine Auswirkung der unter­schiedlichen Klimazonen - zeigt Europa eine überraschende Vielfalt auf kleinem Raum; nach dem Anthropologen Jean Poirier sind drei Hauptgruppen unterscheidbar:

 

        ·   langschädelige blondhaarige nordische Körperform

        ·   kurzschädelige zentraleuropäische Körperform

        ·   langschädelige und dunkelhaarige südliche Körperform

 

 

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