Was verstehen wir eigentlich unter „Europa“?

(bezeichnend: Europa bedeutet für jeden etwas anderes)

Eine Straßenbefragung zum Inhalt des Begriffs „Europa“ würde vermutlich sehr verschie­dene Antworten ergeben:

 

·    Zusammenschluss mehrerer europäi­scher Staaten mit Sitz in Brüssel

 

·    halbinselförmiger Kontinent mit un­klarer Abgrenzung nach Osten

 

·    größtes Schlachtfeld der Welt­ge­schichte (allein in den letzten 500 Jahren gab es rund 150 Kriege von europäischen Völkern gegenein­an­der)

 

·    Figur aus der griechischen Mytho­logie

 

·    kultureller Mittelpunkt der Erde

 

·    Ausgangspunkt der weißen Rasse, die in ihrem Überlegenheitswahn von hier aus die ganze Welt unterwerfen wollte

 

·    Wiege der Demokratie und der Freiheit

 

·    Gebiet ständiger Vermischung von Völkern und der Entstehung neuer Völker - eine Ver­mischung und Neuentstehung, die nicht erst mit den Völkerwanderungen begann

 

·    Bezeichnung für eine Kultur und eine Identität, die man erst aus der Entfernung als Einheit erkennt, die sich von nahem betrachtet in viele Einzelkulturen und Einzelidentitäten auf­löst, wie ein pointillistisches Bild - mit einem kurzen Wort: Europa als Einheit in der Viel­falt (der englische Premierminister Tony Blair: „be European - be different“).

 

Jede dieser Antworten hat etwas für sich - aber in ihrer Summe ergeben die Antworten doch schon ein erstes Bild von Europa. Bringen wir aber zunächst Ordnung in unsere Gedanken. Be­gin­nen wir mit einer Begriffsbestimmung, beginnen wir mit dem Wort „Europa“ selbst.

 

 

 

Das Wort „Europa“

(ebenfalls bezeichnend: das Wort Europa stammt sprachlich aus Asien)

 

Dass Europa geologisch gesehen eigentlich eine nur Halbinsel des Riesenkontinents Eurasien ist, wird sogar durch seinen Namen symbolisiert: Das Wort „Europa“ dürfte aus dem semitischen ereb (dunkel = Sonnenuntergang) entstanden sein - es sollte wohl die dem Land der aufgehenden Sonne (aszu = hell, Asien) gegenüberliegende Halbinsel der „Alten Welt“ bezeichnen[1].

 

Dieses Wort wurde wahrscheinlich durch die Phönizier zu den Griechen (und damit eben erst nach Europa) getragen. Interessanterweise haben die alten Griechen einen Mythos darüber, wie - und zwar das Wort Europa von Phönizien (!) - nach Europa gekommen ist:

 

Europa war eine Tochter des phönizischen Königs Agenor und seiner Frau Telephassa. Es ergab sich nun, dass Europa eines Tages mit ihren Freundinnen am Strand Phöniziens spielte.

 

Da näherte sich den Mädchen der oberste aller Götter, der Herr des Olymp, Zeus, verborgen in der Gestalt eines weißen Stiers. In wildem Schrecken stieben die Mädchen davon. Einzig Europa bleibt zurück. Der schöne Stier legt sich voll Sanftmut in den Sand und lässt sich von Europa streicheln. Europa aber wagt es sogar, sich auf seinen Rücken zu setzen und wird nun vom Götterstier über das Meer nach Kreta entführt. Hier aber nimmt er Menschengestalt an und hat mit Europa schließlich drei Söhne: Minos [2] , Rhadamanthys, Sarpedon.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Europa vor und nach ihrer Entführung - aber wohin wollen sie nun Frankreich (Präsident Chirac) und Deutschland (Bundeskanzler Schröder) tragen?

 

 

Welche Symbolik in diesem Mythos! Nicht nur, dass Europa aus dem Osten in ihre neue Heimat getragen wurde – auch mussten die Europäer wohl noch bis zum Ersten Weltkrieg auf Grund Ihrer Erfolge geradezu an eine über­ir­disch-göttliche Unterstützung glauben  ...

 

Erstmals wurde das Wort „Europa“ in Europa selbst von einem - namentlich nicht mehr bekann­ten - griechischen Dichter Ende des 8. Jh. v. Chr. verwendet; in seiner „Hymne an Apollo“ schreibt er von denen, „die in der reichen Peloppones leben, anderen, die in Europa leben und wieder anderen, die auf den Inseln, umspült vom Meer, leben“ - also dürfte „Europa“ damals den nördlichen Teil des kontinentalen Griechenlands (also nur Mittel­grie­chenland und Thessalien) bezeichnet haben, das heißt wohl Griechenland noch ohne Peloppo­nes und die griechischen Inseln; erst nach dem 8. Jh. v. weitet sich der Begriff Europa aus und umfasst bald alle Gebiete nördlich des Mittelmeeres und seit den Perserkriegen das gesamte Festland.

 

Herodot (484 - nach 430 v.) berichtet jedenfalls schon davon, dass seine Landsleute die Erde in drei Teile gliederten: Europa, Asien und Libyen. Nach seiner Darstellung sähen die Perser Asien mit seinen Völkern als ihr Land an - Europa und das Land der Griechen liege „vollkommen außerhalb ihrer Grenzen“. Tatsächlich unterschieden sich damals Europa (Griechenland) und Asien durch ihre unterschiedlichen Verfassungen gewaltig: hier viele einzelne Stadtstaaten (Polis), die frei waren, dort die absolute Monarchie des persischen „Großkönigs“, der unumschränkt Macht über jeden Bewohner seines riesigen Reiches ausübte.

 

Europa erstreckte sich gemäß Herodots Darstellung weit in den Norden, etwa so weit wie bis zur Nordsee, im Nordosten bis zum Don und zum Asowschen Meer. Allerdings wundert sich Herodot selbst über diese Darstellung, „wo doch diese drei Erdteile geologisch miteinander verbunden“ seien. Da diese Dreiteilung der „Alten Welt“ aber vermutlich schon im Alten Reich Ägyptens üblich war, scheint den Menschen schon frühzeitig bewusst gewesen zu sein, dass es zwischen diesen Erdteilen doch auch Unterschiede gäbe - Eigenheiten, die jeden dieser Erdteile zu etwas Besonderem, Unverwechselbaren machten ...

 

Diese Dreiteilung der Welt zeigt sich auch auf der ältesten bekannten Weltkarte, dem Palimpsest[3] im Isidor-Codex 237 (entstanden im späten 7. Jh. n., aufbewahrt im Kloster St. Gallen in der Schweiz):

 

 

            Teilung der Welt unter den drei Söhnen von Noah (Sem, Ham und Japhet):

 

 

 

Sem        Asien

 

 

Ham       Afrika

 

 

Japhet    Europa (Japhet gilt damit als Ahn­herr der indogermanischen Völker und damit auch des Christentums)

 

 

 

 

(Von der Ausbreitung der Nachkommen der Söhne Noahs über die Welt berichtet die Bibel in der Genesis, Kap. 10 sowie im ersten Buch der Chronik, Kap. 1.)

 

Heute gilt als geographische Grenze zwischen Europa und Asien folgende Linie:

 

Ural (Gebirgszug und Fluss) - Kaspisches Meer - Manytschniederung - Schwarzes Meer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei dieser geographischen Abgrenzung umfasst Europa, die „Alte Welt“, 10.531 Mill. km2 mit derzeit rund 720 Millionen Einwohnern in insgesamt 46 Staaten; zwei davon, die Türkei und Russland, stehen „mit einem Bein“ auch im asiatischen Kulturkreis. Bis 1989 gab es im gleichen Gebiet lediglich 31 Staaten, doch sind nach der damaligen „samtenen Revolution“ aus der Konkursmasse des Ostblocks 15 weitere Staaten entstanden.

 

 

Testfragen 1

 

1)  Welche unterschiedlichen Argumente sprechen für die europäische Einigung, wenn man seinen Standpunkt entweder in einem Supermarkt oder in einem Soldatenfriedhof einnimmt?

 

 

 

 

 

 

 

2)  Welche historischen Begebenheiten scheinen im griechischen Mythos vom Raub der Prinzessin Europa durch den Götterstier vorweggenommen?

3)  Wie viele europäische Staaten sind nach der „samtenen Revolution“ 1989 neu (eigentlich: wie­der) entstanden?

Antworten

 

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[1] Noch vor tausend Jahren lagen die kulturellen und wirtschaftlichen Zentren im Nahen Osten und in Persien, Indien und China.

[2] Minos gilt als erster König Kretas und damit auch als Schöpfer der „minoischen“ Kultur; diese Kultur war die erste europäische – und aus Kreta wurde später Hellas, aus Hellas die hellenistische Welt, deren politischer Ausdruck später das Imperium Romanum war.

[3] Palimpsest ist ein Schriftstück, bei dem der ursprüngliche Text abgewaschen oder abgeschabt wurde und das danach neu beschrieben worden ist.