Anstelle eines Vorworts

 

 

„Vor allem müssen wir Europa lieben. Hier dröhnt das Gelächter eines Rabelais, hier leuchtet das Lächeln eines Erasmus, hier sprüht der Witz eines Voltaire. Gleich Sternen stehen an Europas geistigem Firmament die feurigen Augen Dantes, die klaren Augen Shakespeares, die heiteren Augen Goethes und die gequälten Dostojewskis. Ewig lächelt uns das Antlitz der Gioconda, für ganz Europa ließ Michelangelo die Gestalten eines Moses und des David aus dem Marmor steigen, schwingt sich die Bach’sche Fuge in mathematisch bewältigter Harmonie empor. In Europa grübelt Hamlet über das Geheimnis seiner Tatenlosigkeit, will Faust durch die Tat dem quälenden Grübeln entrinnen, in Europa sucht Don Juan in jeder Frau die eine Frau, die ihm begegnet, die eine Frau, die er nie findet, und durch ein europäisches Land jagt Don Quijote mit eingelegter Lanze dahin, um der Wirklichkeit ein höheres Sein abzutrotzen. Aber dieses Europa, wo Newton und Leibniz das Unendlich-Kleine und das Unendlich-Große maßen, wo unsere Dome, wie Alfred de Musset[1] gesagt hat, in ihrem steinernen Gewande betend knien, wo das Silberband der Ströme Städte aneinander reiht, die die Arbeit der Zeit in das Kristall des Raumes meißelt, ... dies Europa muss erst entstehen. Erst dann wird es da sein, wenn die Spanier von „unserem Chartres“, die Briten von „unserem Krakau“, die Italiener von „unserem Kopenhagen“ und die Deutschen von „unserem Brügge“ zu sprechen beginnen. Erst wenn dies erreicht ist, hat der Geist, der unser Tun lenkt, das schöpferische Wort gesprochen: FIAT EUROPA!“

 

Salvador de Madariaga (spanischer Schriftsteller, Diplomat und Philosoph, 1952)

 

 

Einleitung

 

Wenn man irgendwo in Europa über einen Kriegerfriedhof wandert (und es gibt so viele in Europa, dass kein Staat alle auf seinem Hoheitsgebiet befindlichen pflegen kann, wenn man überhaupt noch weiß, wo sich all diese Friedhöfe befinden, viele sind schon längst verfallen, andere wieder befinden sich über alten Friedhöfen längst vergessener Schlachten früherer Jahrhunderte, haben diese überwachsen, durchdrungen...), wenn man also in Europa über einen Kriegerfriedhof wan­dert, vielleicht im Soça- (Isonzo-)Tal in Slowenien oder in den Südtiroler Dolomiten oder an der am meisten blutgetränkten Grenze Europas, zwischen Deutschland und Frankreich ... längst stumpft der Blick ab bei Tausenden, Hunderttausenden Kreuzen, viele tragen keinen Namen, an­de­re wieder tragen zwei, drei oder mehr Namen, da unter ihnen die zerfetzten Körper mehrerer Männer ruhen, ein jeder Name kündend von einem jähen, schmerzlichen Riss in einer Familie, von Stürmen erzählend, die Millionen hoffnungsfroher Männer, nein, fast noch Buben in Stahlgewittern niedermähte, Friedhöfe neben und über Friedhöfen vergessener Schlachten ... und so weiter zurück in der blutigen Geschichte Europas.

 

„Für Gott, Kaiser und Vaterland“ oder Ähnliches hatte man den noch schwärmerischen Gymnasiasten und den erdverbundenen Bauernsöhnen einzureden versucht, gelte es, als man sie aus den Armen ihrer leidahnenden Mütter riss - in Wahrheit aber ging es einzig und allein wieder einmal nur um die Verschiebung irgendwelcher Grenzen, abstrakter, unsichtbarer Linien über einer Landschaft, Linien, die ohnehin mitunter nur Monate, bestenfalls einige Jahrzehnte bestehen soll­ten, um dann neuerlich zum Gegenstand des Machtstrebens von Fürstenhöfen, dem Überlegen­heitswahn von Nationalitäten oder rein wirtschaftlicher Interessen zu werden.

 

Doch der Tod der Millionen, die die Erde Europas in Tausenden Schlachten gedüngt haben, hat vielleicht nun doch einen verspäteten Sinn. Denn Europa selbst ist ein anderes geworden. Dazu allerdings darf Europa seine Friedhöfe nicht mehr aus seinem Blick verbannen, sondern muss sich mitten in sie hineinstellen, um gerade von hier aus (und von nirgendwo anders ist dies mög­lich), um gerade von hier aus die europäische Idee zu erkennen: Nie wieder gegeneinander, und wenn wir noch so verschieden sind; unsere Verschiedenartigkeiten machen uns nicht mehr zu Feinden, sondern wir erkennen sie zum ersten Mal als unseren größten Reichtum. Wir bleiben Österreicher, Italiener, Deutsche, Franzosen, Engländer - aber wir erkennen endlich, dass wir das Wichtigste doch gemeinsam haben: Wir sind Europäer!

 

So stellt sich dieser Lehrgang die Aufgabe, dieser europäischen Idee durch die Jahrhunderte nachzuspüren, ab wann sich der zunächst nur geographische Begriff mit tieferen Inhalten zu füllen be­gann - mit der Idee der Freiheit, der Demokratie, des Christentums, der Zivilisation - bis hin zur zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als unter schweren Geburtswehen und nach der Anlegung neuer Kriegerfriedhöfe mit diesmal vielen Millionen von Gräbern aus dem bisherigen Gefühl des „Irgendwie Zusammengehörens“ endlich die konkrete und erklärte Absicht wurde, eine politische Einheit, etwas wie „Vereinigte Staaten von Europa“ zu schaffen, und zwar unter Beibehaltung, ja unter Förderung des wahren Reichtums Europas, seiner kulturellen Vielfalt.

 

Zu optimistisch gedacht? Glaube ist immer optimistisch - und ohne Glaube an sie wäre die europäische Idee von vornherein zum Scheitern verurteilt. Immerhin hat zum Jahrtausendwechsel Europa schon eine sichtbare Realität zu werden begonnen.

 

Wie sagte Salvador de Madariaga? FIAT EUROPA = EUROPA WERDE!

 

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[1] Alfred de Musset, französischer Dichter, 1810 - 1857